
Die Zeiten stimmen uns trüb, sie zehren und bringen uns um den Verstand, vor allem uns Schauspieler*innen, da wir von unserer Kunst finanziell abhängig sind. Mit unserer Kunst erschaffen wir Realitäten. Ob mit Mimik oder Gestik, unserer Stimme, mittels unseres Aussehens oder unseres Körpers. So wollen wir, dass unsere Kunst eine Relevanz hat, die gleichbedeutend mit Freiheit ist. Wir wollen, dass unsere Kunst honoriert wird.
Schon im Altertum war die Schauspiel-Kunst ein Hort der Unterhaltung, mit der Schauspieler*innen ihren Lebensunterhalt verdienten. Erst später etablierte sich ein ganzer Berufszweig. Und heute kann man von Glück sagen, dass man einen anständigen Synchronjob bekommt, der noch gut bezahlt ist. Ich zum Beispiel lehne Anfragen ab, die keine finanzielle oder künstlerische Tragweite für mich haben. Weswegen ich meinen Lebensunterhalt nebenher auch als Verkäufer bestreite. Was viele tun, wie ich festgestellt habe. Und sich manchmal unangenehm anfühlt, da ich von meiner Kunst, meinem Beruf, ja leben möchte. Können wir aber von unserem Berufsstand als Künstler*innen nicht mehr leben, weil die äußeren Umstände es nicht zulassen, dann bleiben uns nur noch Alternativen. Vor allem deshalb, weil diese auch anständiger bezahlt wer- den. Dieser Umstand, einen anderen „systemrelevanteren“ Beruf zur Bestreitung unseres Lebensunterhaltes auszuüben, schränkt uns ein, hindert uns. Nimmt uns sogar die künstlerische Freiheit, die wir, im Falle des Schauspiels, zur Erschaffung eines Charakters benötigen. Ein strukturierter und ordnungsgemäßer Alternativjob nimmt Künstler*innen den Raum und den Atem, die talentierten und antrainierten Fähigkeiten zu nutzen und darzustellen. Und es nimmt uns die Zeit, die wir für Castings, Vorsprechen und Networking brauchen. Um ein Beispiel zu nennen: Ich bin von Film- Events, Castings und meinem damaligen Job hin und her gesprungen. Das hat mich krank gemacht und führte mich in eine Depression, die ich erst, nachdem ich gekündigt hatte, beruhigen konnte.
Aber was dann … Dann bleibt uns die Grundversorgung, die allemal nicht auf uns Schauspieler*innen und Künstler*innen zugeschnitten ist. Ein weiterer Kritikfaktor, der uns umtreibt und uns wieder dazu zwingt umzudenken. Es ist ein Kampf um unsere Existenz. Die jahrelange Ausbildung ergibt doch keinen Sinn, wenn wir sie nicht nutzen können. Wenn wir sie nicht zeigen können.
Soeben sitze ich im Zug auf dem Weg nach Hamburg, weil ein befreundeter Regisseur mich für einen kleinen Wohltätigkeitsfilm angefragt hat. Als das erste Telefonat stattfand, kamen wir vom Smalltalk zum Thema Bezahlung, und ich bemerkte, dass es auch ihm unangenehm war, mich kostenlos zu buchen. Also fanden wir einen Mittelweg. Und meistens ist es, wie bei allen Low-Budget-Produktionen, die Übernahme der Fahrt- und Übernachtungskosten. Dass das leider zur Regel geworden ist für uns Schauspieler*innen, aber auch für Regisseur*innen und andere Kunst-/Filmgewerke, ist ein großes Manko dieser Branche. Nicht weil wir uns gegenseitig ärgern wollen, nein weil wir es manchmal nicht können. Ich habe festgestellt, solange man sich medial keinen Namen gemacht hat, solange wird auch nichts in einen investiert. Und das finde ich, ist der größte Fehler, den unsere Branche machen kann. Statt das Wohl eines Einzelnen zu fördern, sollte unser Hauptaugen- merk darauf liegen, das Wohl der gesamten Branche zu erhalten. Vor allem das des Nachwuchses. Dadurch könnte man Konkurrenzdenken verhindern und gemeinsam einzigartige Projekte schaffen. Diese Tatsache hat die SAG-AFTRA verstanden, weshalb sie Regelungen für faire Löhne in allen Bereichen ein- geführt hat. Genau das sollte auch in der deutschen Film-, Synchron- und Bühnenlandschaft passieren. Denn ich finde, um eine Änderung hervorzubringen, sollte unsere Branche den Mut und das Risiko in Kauf nehmen, fair und anständig zu handeln und zu zahlen. Und genau dafür ist ein Berufsverband wie der BFFS wichtig und nötig! Denn schließlich setzt sich der BFFS ja genau dafür ein. Und je mehr Kolleg*innen den Verband unterstützen, desto stärker sind wir und der Verband im Allgemeinen.
Unsere Kunst ist kein Hobby, das einfach und schnell abrufbar ist, und vor allem nicht kostenlos. Unsere Kunst ist der rote Faden der Gesellschaft und wir Künstler*innen sind der Mörtel, der sie zusammenhält.
Wie sagt man so schön, der Weg ist das Ziel. Sicher, unsere Branche ist im Endeffekt ein Geschäftsfeld, womit man Gewinne erzielt, und wir, die Schauspieler*innen, das Produkt, das gebucht wird. Den- noch sind wir am Ende die, die für die Unterhaltung sorgen und den Zuschauer*innen Glaubwürdigkeit und Authentizität vermitteln. Wir sind es, die mit unserer Kunst danach streben, Farbe, Freiheit und Menschlichkeit in ein graues Band zu bringen und an die Emotionen der Gesellschaft andocken. Und dafür nutzen wir unser gesamtes physiologisches und psychologisches Spektrum. Ein Kollege meinte mal, dass Talent nur 20 Prozent des Berufes ausmacht. Der Rest ist 80 Prozent harte Arbeit. Aber wenn dies so ist und wir uns abstrampeln nach beruflichen Chancen, warum zählen wir dann zu der Berufsgruppe, die als nicht-systemrelevant gilt? Wenn Kunst in Deutschland so ein hohes Gut ist, wie es uns vermittelt wird, warum ist es gesetzlich nicht geschützt wie in anderen Ländern?
Mir geht es nicht darum, zu verurteilen oder Ungerechtigkeiten an den Pranger zu stellen. Mir ist es wichtig, unseren Berufsstand noch mehr in die Öffentlichkeit zu rücken, ohne den Ansatz von Arroganz oder Hochnäsigkeit zu vermitteln. Wir haben während der Corona-Krise schon genug gelitten. Nicht nur im Inneren, sondern auch im Äußeren. Unsere Kunst ist kein Hobby, das einfach und schnell abrufbar ist, und vor allem nicht kostenlos. Unsere Kunst ist der rote Faden der Gesellschaft und wir Künstler*innen sind der Mörtel, der sie zusammenhält.
