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LIEBES TAGEBUCH,
ich bin 13 Jahre alt und stehe mit einer Freundin vor dem Spiegel. Sie gibt mir den Tipp, immer ein bisschen den Bauch einzuziehen. Das mache dünner und sehe besser aus. Fünf Jahre später sagen mir Klassenkamerad*innen, ich sei zu dick, um Schauspielerin zu werden. Sechs Jahre später spreche ich an einer staatlichen Berliner Schauspielschule vor und der Dozent ist begeistert davon, dass ich mich „trotz”meines Körperbaus so leichtfüßig über die Bühne bewege. Ich bin zu dem Zeitpunkt 1,69 m groß und wiege 78 kg. Ich werde nicht genommen. Ein Jahr später beginne ich mein Schauspielstudium an einer anderen Universität. Ebenfalls ein Jahr später möchte ich während einer Probe eine Pause machen, um etwas zu essen. Meine Dozentin fragt mich, ob ich wirklich noch etwas essen sollte.
Neun Jahre später sitze ich mit zwei Freund*innen in einem Berliner Restaurant, erinnere mich daran, wie ich mit 13 anfing meinen Bauch einzuziehen. Die beiden schütteln den Kopf und geben zu, es ebenfalls jahrelang gemacht zu haben. Und ich denke: Irgendwie juckt das immer alle anderen, nur mich nicht. Ich find mich sexy. Anders ausgedrückt: Mein Level an Fuckability ist meiner Meinung nach super high.
Also erzähle ich ihnen von der E-Mail einer Schauspiel-Plattform mit dem Betreff „Statur weiblich” überführt in „durchschnittlich“. Laut dieser E-Mail verstehen unter „weiblich“ viele Frauen sehr unterschiedliche körperliche Formen. Wenn man nach den Fotos gehe, sei alles von schlank bis recht füllig darunter. Beide schütteln den Kopf und fragen, ob es auch die Kategorie „sexy“ oder „schön“ gebe?
Und ich fange an, mir Fragen zu stellen: Gibt es bei den Männern eigentlich die Statur „männlich“? Wie sieht die aus? Geht es bei der Suche nach Schauspieler*innen eigentlich darum, gute Schauspieler*innen zu finden oder Körper? Bezieht die Debatte um Diversität auch Körperformen mit ein? Vor allem die von Frauen? Warum sind Frauen ab 40 angeblich nicht mehr sexy genug, um im Fernsehen gezeigt zu werden? Warum wird in Filmen mit dicken Schauspieler*innen das „Dicksein” thematisiert? Gibt es wirklich keine kleinen Männer, die mit großen Frauen zusammen sind? Warum spielen Schauspieler*innen ohne Behinderung, Menschen mit Behinderung? Wann oder warum wird eigentlich nach dicken, dünnen, großen, kleinen Schauspieler*innen gesucht? Und wie sieht so ein „durchschnittlicher” oder „weiblicher” Körper aus?

Es ist eine Tatsache, dass weibliche Kolleginnen mit einer Körpergröße ab 1,80 m oft nicht besetzt werden […]. Männer dürfen optisch nicht unter Frauen stehen.

Das Gespräch mit einer Casterin soll Aufschluss geben. Es stiftet in mir aber noch mehr Verwirrung. Angeblich stehe es ja so in den Drehbüchern. Denn: Wenn da steht, die Figur joggt, dann ist ein dünner Mensch zu besetzen. Die Komik des Drehbuchs lebe ja davon, dass die eine Person dick, die andere dünn sei. Ich wusste gar nicht, dass die Autor*innen so eine niederschmetternde Macht haben. Das wissen sie wahrscheinlich selber nicht. Regisseur*innen denken zum Beispiel, dass sie ganze Drehbücher umschreiben müssen, wenn ein*e Schauspieler*in zwar ausgezeichnet spielt, aber körperlich „nicht auf die Rolle passt“. Und wenn es nicht die oben genannten Menschen sind, die schuld sind, dann sind es die Redakteur*innen, denen fehle nämlich die Fantasie. Und ebenfalls schuld: die Schauspieler*innen. Denen fehle es an Videomaterial, auf dem sichtbar wird, dass sie singen, tanzen, essen, stehen, schlafen, sprechen können. Durch ein Casting ist das leider nicht herauszufinden, denn dafür fehle die Zeit und Geld. Achja, Zeit ist auch schuld. Denn: Wenn du zu alt bist, geht es nur noch bergab. Dann kommst du gar nicht mehr vor. Und Sex hast du als ältere Schauspielerin auch nicht. Und falls doch, dann wird dein Körper durch einen jüngeren Körper ersetzt. Du bist ja nicht mehr realistisch „fuckable”.

Das Nichtvorhandensein dieser Themen, dieses in den Hintergrund rücken – das sind blinde Flecken.

Eigentlich sind alle, alles und jede*r schuld. Aber wie wäre es einfach mit körperlicher Diversität?
Die 2018 erschienene Studie „Audiovisuelle Diversität? Geschlechterdarstellungen in Film und Fernsehen in Deutschland” der MaLisa-Stiftung deckt die Geschlechterdarstellung und die damit einhergehenden Diskrepanzen im deutschen Film und Fernsehen auf. Sie zeigt deutlich auf, wie viel Handlungsbedarf in diesen Bereichen noch immer besteht.
In der Zwischenzeit hat sich aber scheinbar etwas getan: Filmförderungen brachten Selbstverpflichtungen auf den Weg, Breakdowns und Castinganfragen zu dem Thema werden verschickt. Es gibt beinahe einen gewissen Trend, dem da nun gerne gefolgt wird.
Die Community der LGBTIQ+ und die der People of Colour (PoC) kämpfen mit einer großen, tollen und lauten Energie um mehr Vielfalt und Zusammenhalt. Dabei erfahren sie auch eine große Unterstützung von außen. Der Sender MTV beispielsweise unterstützt die PoC-Kolleg*innen mit einer großen Kampagne unter dem Titel „Meine Rolle im Deutschen Film – #KEINENRASSISMUSPRODUZIEREN” und das Manifest #ActOut wird sogar in Hollywood lobend erwähnt.
Es gibt aber auch die „leiseren“ Gruppen. Die, die sich eher im Hintergrund aufhalten und dort aber oft bereits seit Jahren aktiv sind. Man könnte sagen, die dabei sogar häufig übersehen werden: Menschen mit Körperlichkeiten!
Uns geht es zum Beispiel um Menschen mit Behinderungen. Menschen, die kleiner, größer, dicker, dünner sind als der Durchschnitt. Schwangere Frauen. Aber auch um Menschen, die älter sind als 40. Godehard Giese berichtet in dem SZ-Interview zum Thema #ActOut von einer Sexszene, in der seine Spielpartnerin von einer 15 Jahre jüngeren Frau gedoubelt wurde. Die Partnerin war damals, genauso wie er, Mitte 40.
Es ist eine Tatsache, dass weibliche Kolleginnen mit einer Körpergröße ab 1,80 m oft nicht besetzt werden, weil der männliche Hauptdarsteller mit einer Körpergröße um die 1,70 m schon feststeht. Männer dürfen optisch nicht unter Frauen stehen. Oder andersrum, „kleinere“ Schauspieler*innen müssen auf Kisten stehen, damit beide auf „Augenhöhe“ agieren können.
Bei einem Gespräch mit der Organisation „Rollenfang”, die Schauspieler*innen mit Behinderung fördert und vertritt, werden systemische Probleme deutlich: Es gibt keine Statistik zu der Anzahl von Schauspieler*innen mit Behinderung in Deutsch- land. Schauspieler*innen mit Behinderung werden oft nicht einmal von der ZAV vertreten, da sie keine Ausbildung haben. Sie können aber keine Ausbildung haben, weil Schauspielschulen Menschen mit Behinderung gar nicht erst aufnehmen. Ein*e Kolleg*in machte uns in diesem Zusammenhang darauf aufmerksam, dass wir alle bei Eintritt in die Schauspielschule ein Formular unterschrieben haben, auf dem wir unsere körperliche „Unversehrtheit“ bestätigen, und dass wir keine körperliche und geistige Behinderung haben.
In einem Clubhouse-Talk über Inklusion in der Besetzung wurde deutlich, dass sich Menschen mit Behinderung nicht genügend und sehr fehlerhaft dargestellt fühlen. So wurde leidenschaftlich um bessere Darstellung gebeten. Im selben Talk wurden neue Diversitäts-Arbeitsgruppen einer Filmproduktionsfirma vorgestellt, die die Bereiche LGBTIQ+, Gender (männlich, weiblich, divers), Menschen mit Behinderung und People of Colour stärker in den Fokus rücken sollen.
Auf Nachfrage, wo denn beispielsweise kräftige Menschen unterzuordnen seien, hieß es, man könne ja nicht gleich alle Bereiche auf einmal abdecken und es sei ja erstmal ein Anfang.
Wir sind am Anfang. Aber wenn wir Teilbereiche in den Hintergrund rücken und nicht thematisieren, wie sollen wir dann das komplette Feld der Diversität verbessern? Und ist ein Fokussieren auf diesen Teilbereich nicht längst überfällig? Denn die Schieflage beginnt sogar schon sehr früh: Die Auswertung einer Studie zu animierten Körpern im deutschen Kinderfernsehen beschreibt in einem Artikel von Christine Linke, Julia Stüwe und Sarah Eisenbeis (erschienen bei br-online 2017) Folgendes: Kinder werden fast ausschließlich mit sexualisierten und unrealistischen Körpern von weiblichen Hauptfiguren konfrontiert, nicht aber mit übergewichtigen oder runden. Männliche Körper hingegen werden eher realistisch und vielfältiger dargestellt. Marian Wright Edelman sagte einmal: „You can’t be, what you can’t see“.
Natürlich gibt es positive Beispiele wie eine erst kürzlich durchgeführte Umfrage und somit der Versuch einer Erhebung von Zahlen zum Thema Vielfalt und Diskriminierung vor und hinter der Kamera. Aber auch in dieser wichtigen Umfrage kam die Erwähnung der Körperlichkeiten eindeutig zu kurz bis gar nicht vor.
Das Nichtvorhandensein dieser Themen, dieses in den Hintergrund rücken – das sind blinde Flecken.
Wo sind all die schönen dicken, langen, kurzen und „älteren” Körper? Wir wollen sie finden und starten in Eigenregie eine Analyse des Fernsehprogramms von Freitag bis Sonntag zwischen 18 bis 23 Uhr an einem Wochenende im März 2021. Unsere Recherche ergibt: Im fiktionalen Programm von ARD und ZDF sehen wir 85 Männer und nur 58 Frauen in Sprechrollen. Davon 26 Frauen, die älter sind als 40 Jahre und 46 Männer in diesem Altersspektrum. Wir sehen acht männliche, kräftige Körper gegenüber sechs kräftigen, weiblichen Körpern. Die Körpergrößen der Frauen liegen zwischen 1,60 m und maximal 1,75 m. Bei den Männern überwiegend zwischen 1,74 m und 1,89 m. Nur drei Männer liegen deutlich unterhalb von 1,74 m. Wir sehen keine Menschen mit Behinderung.
Wir glauben, – und da sind wir uns wahrscheinlich alle einig – dass ein bis zwei Produktionen pro Jahr hier keine Abhilfe schaffen können. Wir brauchen eine Regelmäßigkeit, um „Sehgewohnheiten“ zu verändern.

Unsere Recherche ergibt:
Im fiktionalen Programm von ARD und ZDF sehen wir 85 Männer und nur 58 Frauen in Sprechrollen.

Mit unserer Initiative #allekörperimblick sind wir noch nicht fertig. Auch bei uns ist es ein Anfang. Wir bestehen nicht auf Vollständigkeit unseres Blickwinkels. Wir suchen nach Antworten. Hierzu möchten wir Sie alle gerne einladen. Egal ob Sie vor der Kamera oder hinter der Kamera stehen. Wir laden Sie hiermit ein, neue Blickwinkel zu entdecken.

Folgen Sie uns gerne hierzu auch auf Instagram & Facebook unter dem Namen @allekoerperimblick.

MONIKA OSCHEK
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