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STEFAN KRAUSE : Ich selbst bin mit zehn Jahren zum Synchron gekommen, weil ich in einem Rundfunk-Kinderchor „entdeckt“ wurde. Andere Kolleg*innen kamen zum Beispiel als Preisträger*innen von Lesewettbewerben zu ihren ersten Rollen. Wie läuft das heutzutage, und was hat Dich auf die Idee für Deine Agentur gebracht?
ANTHONIA THÖNISSEN : Ich bin seit 26 Jahren dabei und habe große Veränderungen erlebt. Früher hatten Aufnahmeleiter*innen nur ein bis zwei Projekte vorzubereiten und konnten projektunabhängige Castings auch für Kinder organisieren. Die „Neuen“ haben dann an der Seite von erwachsenen Profis synchronisiert und gelernt.
Heute müssen deutlich mehr Projekte parallel betreut werden und für Castings bleibt kaum Zeit. Neue Schauspieler*innen und Kinder müssen sich irgendwie alleine zurechtfinden. Daher habe ich 2016 meine Agentur gegründet. Ich möchte, dass die Kinder betreut in die Branche einsteigen und auch ihre Verantwortung gegenüber den Projekten verstehen. Ich erkläre den Familien unsere Arbeitsabläufe und bereite sie auf die verschiedenen Termine vor. Mein Ziel ist es, die Spielfreude der Kinderstimmen zu fördern und zu erhalten.

Mein Ziel ist es, die Spielfreude der Kinderstimmen zu fördern und zu erhalten.

Ich stehe im regelmäßigen Austausch mit der Theaterschule Goldoni und der Musikschule Bertheau & Morgenstern, die mich bei der Suche nach sprachtalentierten Kindern unterstützen. Von dort kommen oft tolle Kinder zu mir. Meine Veranstaltung „Dein Tag im Synchronstudio“ bietet neugierigen Kindern und deren Eltern die Möglichkeit, überhaupt erst einmal in unsere Branche reinzuschnuppern und sich vor dem Mikrofon auszuprobieren. Nach diesen Terminen werte ich mit meinem Tonmeister Jens Dewald die Aufnahmen aus. Dabei freuen wir uns immer, wenn wir mal wieder kleine große Talente entdecken. Ich kontaktiere dann die Eltern, erkläre ihnen, was es für Möglichkeiten gibt, in unsere Branche einzusteigen und freue mich, wenn ich die- se Kinder mit meiner Agentur begleiten und unterstützen darf. Einige kleine Profis haben sich schon daraus entwickelt.
Natürlich lernen die Neuen vor allem im Studio und entwickeln sich bei jedem Termin weiter. Trotzdem gibt es immer wieder Themen und Fragen, die nicht während des regulären Studiobetriebs beantwortet werden können. Zu diesen Themen biete ich exklusiv für die Kinderstimmen verschiedene Kurse an. Auch 2021 wird es wieder ein vielfältiges Angebot für Kinderstimmen geben.

 

Wie hoch ist der Anteil von Kindern, deren Eltern selbst in der Branche arbeiten, also Schauspieler*innen, aber auch Leute von Schnitt und Ton oder aus den Aufnahmeleitungen?
Viele Eltern aus der Branche sind eher zurückhaltend, wenn es darum geht, ihre eigenen Sprösslinge vors Mikrofon zu bringen, aber es gibt natürlich Kinder von Kolleg*innen aus der Branche, die erfolgreich dabei sind.

 

Gibt es sowas wie „Vitamin B“ oder glaubst Du, dass doch eher Talent und Spielfreude entscheidend sind?
Vitamin B hört sich immer so negativ an. Wenn ich in der Branche arbeite, habe ich natürlich ganz andere Möglichkeiten, die eigenen Kinder auf das alles vorzubereiten und sie Kolleg*innen ans Herz zu legen. Daher ist der Einstieg so vielleicht etwas leichter. Aber am Ende setzen sich Talent und Spielfreude durch.
Es gibt ja genug negative Beispiele (zum Beispiel Casting-Shows), bei denen Eltern die Karriere ihrer Kinder allzu sehr „pushen“ und Druck ausüben, anstatt die Kinder entscheiden zu lassen.

 

Wie siehst Du dieses Problem und wie gehst Du damit um?
Eigentlich sollte es gar nicht möglich sein, Kinder allzu sehr zu „pushen“, denn Kinder dürfen gesetzlich nur an 30 bis 45 Tagen pro Jahr arbeiten. Aber ja, solche Eltern gibt es trotzdem.
Ich habe meine Agentur gegründet, um Kinder und deren Eltern zu betreuen und von der ersten Stunde unterstützend an ihrer Seite zu stehen. Ich rate auch mal dazu, eine Produktion nicht anzunehmen oder eine kleine Pause zu machen, um eine langfristige Zusammenarbeit zu gewährleisten. Mit den etablierten Kindern und deren Familien bespreche ich, wie wir mit Terminanfragen umgehen, um auch am Ende des Jahres noch für spannende Anfragen besetzt werden zu können.

 

Auch in meiner Jugend gab es schon die sogenannten „Kindergagen“, im Klartext: geringere Gagen. Begründung der Synchronfirmen: Kinder arbeiten ja auch nicht so schnell wie Erwachsene. Wie stehst Du zu diesem Problem, und was sagst Du Eltern, aber auch den Kindern, wenn sie nach Geld fragen?

Dabei freuen wir uns immer, wenn wir mal wieder kleine große Talente entdecken.
Ich bin sehr stolz auf meine Kinderstimmen, viele von ihnen werden die stimmen von morgen sein.

Die Kindergagen sind immer noch ein großes Thema. Die Firmen müssen zusätzlich zu den Gagen auch die Anmeldegebühr beim Landesamt und die Taxikosten für die Kinder übernehmen. Daher kann ich grundsätzlich verstehen, dass Kinder eine geringere Gage als die erwachsenen Schauspieler*innen bekommen. Zum Glück hat sich in den letzten Jahren einiges getan. Angeregt durch die Gilde hat sich mittlerweile eine etwas höhere Kindergage etabliert.

 

Du sprichst von einer Anmeldegebühr beim Landesamt. Müssen alle Firmen die Arbeit mit Kindern anmelden und wie beeinflusst das die Arbeit?
Kinderarbeit ist in Deutschland verboten, aber mit einer Sondergenehmigung dürfen wir unter bestimmten Vorgaben trotzdem mit Kindern arbeiten. Jeder Termin mit Kindern muss beim Landesamt für Arbeitsschutz angemeldet werden. Die Kosten für diesen Antrag variieren je nach Aufnahmedauer, Anzahl der beantragten Termine sowie Kurzfristigkeit und müssen von den Firmen übernommen werden. Unsere Branche wird einerseits von Zeitdruck und kurzfristigen Aufträgen bestimmt, andererseits wird auch beim Landesamt Personal eingespart. So kann eine Bearbeitung, wenn man Pech hat, auch bis zu zehn Tage dauern. Hier müssen zukünftig die Firmen miteinander dafür kämpfen, dass unsere Arbeit bei den Behörden anerkannter wird und entweder die Prozesse vereinfacht werden oder mehr Personal eingestellt wird.

 

Kannst Du Dir vorstellen, dass aus einigen Deiner Kids später auch Schauspieler*innen werden? Oder gibt es sogar schon welche, die diesen Wunsch geäußert haben? Schließlich brauchen wir ja Nachwuchs …
Ich betreue seit 2016 durchschnittlich ca. 100 Kinderstimmen in Berlin. Ich kenne ihre Stimmfarben und Stärken genau und weiß, auf was für Rollen ich sie vorschlagen kann. Für die Aufnahmeleiter*innen und auch für die Regisseur*innen ist das eine große Hilfe, gerade wenn sie nicht so oft mit Kindern arbeiten. So gibt es kaum eine Kinderproduktion, in der keine Kinderstimmen besetzt werden.
Die meisten sind mit so viel Freude am Synchronisieren dabei, dass sie sich gar nicht vorstellen können, dass das irgendwann nicht mehr zu ihrem Leben gehören könnte. Hier zeigt sich in der Pubertät und nach dem Stimmbruch, wie ernst sie es nehmen. Die älteren, fest etablierten Kinderstimmen wollen definitiv dabei bleiben und für sie steht fest, dass sie eine Ausbildung in diesem Bereich anstreben oder mindestens ihre Stimme weiter ausbilden werden.
Ich bin sehr stolz auf meine Kinderstimmen, viele von ihnen werden die Stimmen von morgen sein.

Danke und alles Gute für Deine weitere Talentsuche!

Antonia Thönissen
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