
FAROUK EL-KHALILI: Was reizte dich, das Schauspielern an den Nagel zu hängen und als Regisseurin zu arbeiten?
IRENE CHRIST: Ich habe das Schauspielern nicht an den Nagel gehängt – jedenfalls war das keine bewusste Entscheidung. Ich wollte irgendwann mehr gestalten können, auch inhaltlich, und hatte das Gefühl, genug Erfahrung gesammelt zu haben, um die Seiten zu wechseln. Dann kamen hauptsächlich Regieaufträge – die ich sehr gern angenommen habe. Nachdem ich etwa zehn Jahre lang als Schauspielerin an deutschen Stadt- und Staatstheatern gearbeitet hatte, habe ich für einige Jahre auf der Insel Malta eine Theater Company geleitet. Dort habe ich produziert, gespielt, aber auch als Regisseurin meine ersten Schritte gemacht.
In diesen Leitungsfunktionen hat man einen recht großen Einfluss auf die Probenatmosphäre, den Umgang miteinander, auch das ist durchaus ein interessanter Aspekt.
Gibt es ein Projekt/eine Inszenierung, die für dich am spannendsten/schönsten war?
Zum Glück nicht: Es ist immer gerade das Projekt, welches gegenwärtig läuft, das spannendste.
Welche Stücke oder Projekte würdest du gern noch verwirklichen?
Ach, da sage ich mal ganz unbescheiden: Am liebsten würde ich in einer Theaterleitung mitarbeiten. Teams sind im Kommen.
Hast du auch schon mal Projekte abgelehnt? Wenn ja, wieso bzw. wieso nicht?
Aber ja. Als Schauspielerin, weil ich die Stücke rückwärtsgewandt fand, oder weil ich mit einem Regisseur nicht unbedingt arbeiten wollte, als Regisseurin, weil mir die Konditionen zu wackelig erschienen. Also mit anderen Worten: Ich war mir nicht sicher, ob ich am Ende für viel Arbeit auch zuverlässig bezahlt werde.
Wie sind deine Erfahrungen aus den letzten zweieinhalb Jahren, also seit Beginn der Pandemie inkl. aller Einschränkungen, Theaterschließungen, langsamen Öffnungen und dem ganzen Hin und Her zwischendurch?
Das war keine einfache Zeit. Mein ganzes Jahr 2021 war durchgeplant, mit tollen Aufgaben … innerhalb einer einzigen Woche im Herbst 2020 wurde alles abgeräumt. In den ersten Monaten der Pandemie sprachen die Theater noch von Verschiebungen, es gab sogar konkrete neue Termine, aber dann folgten immer neue Lockdowns. Etliche Produktionen haben sich nie mehr eingelöst. Es kamen andere … aber diese eine Woche werde ich sicher nie vergessen, da rutschte der Boden unter den Füßen weg. Insgesamt bin ich jedoch gut durch die Zeit gekommen. Das lag daran, dass ich immer mal wieder neben der Theaterarbeit als Dozentin gearbeitet habe – das könnte ich nun full time tun. Natürlich gab es auch an den Schauspielschulen große Einschränkungen, wir haben zum Teil online unterrichtet, bzw. mit Abstand und Masken … aber irgendwann halfen dann tägliche Tests, einen halbwegs normalen Unterricht gestalten zu können. Es war eine sehr besondere Zeit, sie hat auch zusammen geschmiedet. Schwierig fand ich die Situation für unsere Absolvent*innen der letzten zwei, drei Jahre. Da gibt es ganze Corona-Jahrgänge. Sie haben ihren Abschluss gemacht – und kein einziges Theater war geöffnet oder lud zu Vorsprechen ein. Wenige Produktionsfirmen drehten. Und schon waren die nächsten Absolvent*innen auf dem Markt. Bis heute haben viele aus diesen Jahrgängen Schwierigkeiten, in den Beruf einzusteigen.
Also mit anderen Worten:
Ich war mir nicht sicher, ob ich am Ende für viel Arbeit auch zuverlässig bezahlt werde.
Ich hatte bisher das Glück, immer von meiner künstlerischen Arbeit leben zu können. Aber wenn ich es müsste, würde ich die Ärmel hochkrempeln und mich nach anderen Arbeitsgebieten umsehen.
Für unsere Arbeit am Theater sehe ich diese Zeit der Pandemie in keiner Weise als beendet an. Viele Zuschauer*innen bleiben weg. Als Theaterleute müssen wir uns fragen, wie machen wir das Theater so interessant, so relevant und unterhaltsam, dass die Menschen wieder den Weg ins Theater finden? Wer weiß, vielleicht ist das sogar ein ganz heilsamer Prozess. Das werden wir erst in einigen Jahren beurteilen können.
Hast du daraus persönliche Konsequenzen gezogen? Und wenn ja, welche? Vielleicht ein weiteres Standbein oder so … ?
Ich hatte mehr Zeit für Freunde und Familie. Davon würde ich gern etwas bewahren im stressigen Arbeitsalltag. Nicht ganz einfach, aber hin und wieder erinnere ich mich an die erzwungene Ruhe, daran, dass sie neben allen Unsicherheiten auch gutgetan hat und Zeit zum Zuhören gelassen hat.
Der Spagat zwischen „Kunst und Kohle“ – ist der aus deiner Sicht machbar oder existiert der für dich (aus welchen Gründen?) vielleicht gar nicht? Ich hatte bisher das Glück, immer von meiner künstlerischen Arbeit leben zu können. Aber wenn ich es müsste, würde ich die Ärmel hochkrempeln und mich nach anderen Arbeitsgebieten umsehen.
Gibt es etwas, das sich in deinen Augen an den Theatern, der Kulturlandschaft etc. ändern sollte? Und wenn ja, was?
Die Antwort ist schon fast klischeehaft, aber ich denke, dass diese deutsche Trennung von E und U gänzlich falsch ist. Das ist mir allerdings erst aufgefallen, als ich im Ausland – in Malta, in New York – gearbeitet und dort erlebt habe, wie sowohl die Künstler*innen als auch das Publikum diese Trennung (und die damit einhergehende Abwertung der Unterhaltung) nicht kennen. Ich bin der Meinung, dass wir – gerade in kleineren Städten – die Theater mit künstlerischen Ego-Trips leergespielt haben. In Berlin funktioniert eine Volksbühne mit ihrem besonderen Stil wunderbar, absolut nichts dagegen einzuwenden. Aber eben nicht überall.
Bist du mit anderen Regisseur*innen gut vernetzt?
Ich weiß gar nicht … sind Regisseur*innen vernetzt? Ich würde eher sagen, ich kenne einige Regisseure …Da finde ich die Schauspielclique eher vernetzt.
