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Sowohl der BFFS-Vorstand als auch das Gestaltungsteam haben diese Frage mit „Nein“ beantwortet. Es ist nicht nur nicht obszön, sondern genau richtig, unsere Agenda nicht von einem skrupellosen und machthungrigen Diktator bestimmen zu lassen. Aber ignorieren können und wollen wir die Realität, in der wir leben, nicht. Im Gegenteil. Mit dem im Rahmen des Schauspielpreises zusammen mit unserer Schwestergewerkschaft ver.di verliehenen Deutschen Fairnesspreis und dem Ehrenpreis Inspiration haben wir genau dafür ja zwei wirkungsvolle Instrumente geschaffen, um auf aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen reagieren zu können.
Die Wahrheit ist das erste Opfer des Krieges, heißt es. Zwar wird ihr durch Fake News und bewusst gestreute Zweifel an Fakten schon seit Langem massiv auf den Pelz gerückt, aber durch den Krieg wurde nun eine neue Dimension erreicht. In jenem Land, das diesen Krieg führt, wurde es kurzerhand verboten, diese und andere Wahrheiten auszusprechen. Die Wahrheit wird also nicht mehr nur verschwurbelt, sondern schlicht verboten. Das ist Neusprech 2.0. Und selbst jenen kritischen Geistern, die den Zweifel generell für eine Tugend halten, dürfte klar sein, dass wir ein gesellschaftliches Verständigungsproblem bekommen, wenn das Konzept der Wahrheit komplett entsorgt wird.
Allerdings haben Untersuchungen gezeigt, dass die Wahrheit immer mehr Menschen schlicht egal zu sein scheint. Nicht der Zweifel aber ist für den Zusammenhalt einer Gesellschaft gefährlich, sondern die Missachtung der Wahrheit, denn ohne einen gemeinsamen Nenner wird Verständigung unmöglich. Darum hat der BFFS-Vorstand „Wahrheit und Wahrhaftigkeit“ als das diesjährige Thema des Fairnesspreises festgelegt. Die Jury, bestehend aus Gisela Wehrl (VeDRA (Dramaturgenverband)), Tom Keune (BFFS), Martin Kaul (Reporter ohne Grenzen), Malika Musaewa (ver.di) und der Kamerafrau Birgit Gudjunsdottir hat aus den von unseren Mitgliedern vorgeschlagenen Film-Produktionen (fiktional und dokumentarisch) Garagenvolk von Natalija Yefimkina ausgewählt, die dieses Thema in besonderer Weise transportiert oder behandelt.
Den diesjährigen Ehrenpreis Inspiration erhält die Intendantin des Hamburger Ernst Deutsch Theaters, Isabel Vertés Schütter, für ihre Entscheidung, ein Stück noch während der Proben wieder abzusetzen, nachdem bekannt geworden war, dass der Autor rechtspopulistische und den Naziterror verharmlosende Positionen vertreten hat. Entgegen der – auch und gerade in unserem Metier – weit verbreiteten Praxis, Meinungen und Haltungen zu vertreten, die günstig, weil ohne Konsequenzen sind, haben sie und ihr Ensemble den erheblichen Mehraufwand an Kosten und Arbeit in Kauf genommen, um in der verbleibenden Probenzeit ein anderes Stück zu finden und mit demselben Ensemble und in demselben Bühnenbild zu spielen. Unsere Demokratie wird nicht nur durch den Diktator im Osten bedroht, sondern auch durch rechtsradikale und rechtspopulistische Menschenfänger*innen im Inneren. Dem zu begegnen ist möglich, auch wenn es persönliche Opfer bedeuten kann. Das hat Isabel Vertés Schütter gezeigt und uns damit inspiriert.

Nicht der Zweifel aber ist für den Zusammenhalt einer Gesellschaft gefährlich, sondern die Missachtung der Wahrheit, denn ohne einen gemeinsamen Nenner wird Verständigung unmöglich.

Nicht nur die Wahrheit ist ein scheues Reh, dem man sich bestenfalls nähern kann, ohne es je wirklich zu berühren, auch die gesellschaftliche Realität ist es. Aber wir geben es nicht auf und versuchen es immer wieder. Das hat in diesem Jahr zu einer großen Veränderung der Kategorien geführt, die in der zweiten Hälfte des letzten Jahres auf breiter Ebene im BFFS zwischen Mitgliedern, dem Vorstand und dem Gestaltungsteam des DSP diskutiert, beschlossen und auch bereits veröffentlicht worden ist. Ab sofort gibt es zwei neue Kategorien: „Das Duo“, weil wir als Schauspieler*innen nur so gut sein können, wie unsere Partner*innen und „episodische Rolle“, die die Lücke zwischen der Nebenrolle und dem Starken Auftritt schließen soll. Darüber hinaus werden die Preise nun genderneutral verliehen, um niemandem die Chance zu verwehren, für sein Spiel nominiert zu werden. Das bedeutet, für jede Kategorie gibt es vier Nominierte und eine*n Preisträger*in. Ausnahme: Die dramatische Hauptrolle, für die es weiterhin sechs Nominierte und zwei Preisträger*innen gibt.
Gleich geblieben ist die beeindruckende Menge an Produktionen, die die Vorauswahljury gesichtet hat (278) und jene, die sie weitergereicht hat (116). Die diesjährigen Nominierungsjury-Mitglieder Eva Meckbach, Ruth Reinecke, Jane Chirwa, Laura Louisa Garde, Rainer Strecker, Rainer Bock und Oliver Reinhard haben diese gesehen, leidenschaftlich um ihre Favoriten gerungen und die Nominierten gefunden, über die Sie dann endlich abstimmen konnten. Vielen Dank an sie und alle, die den Deutschen Schauspielpreis in diesem Jahr ermöglicht haben!

Hans-Werner Meyer
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Schauspieler, geboren 1964 in Hamburg, von 1986 bis 89 an der Hochschule für Musik und Theater, Hannover ausgebildet, seitdem in Theater, Film und Fernsehen tätig, gründete zusammen mit sechs Kolleg*innen 2006 den BFFS, verantwortet im Vorstand das Ressort Kommunikation und, zusammen mit Christian Senger, Michael Ruscheinsky und Nadine Heidenreich, den Deutschen Schauspielpreis. Er lebt mit seiner Frau Jacqueline Macaulay und seinen zwei Söhnen in Berlin.