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Zuweilen sehe ich in Filmen oder Serien einen „meiner“ Schauspieler, den ich des Öfteren/ häufig/schon ewig synchronisieren durfte, aber merke gleich: „Das bin ja gar nicht ich!“, und kombiniere messerscharf, dass es „wer anders“ war. Aber während einem nach einem Casting normalerweise mitgeteilt wird, ob man den Zuschlag für die Rolle bekommen hat, gehen manche Produktionen einfach klammheimlich an einem vorbei …
Die Gründe dafür können vielfältig sein: Die Produktionsbedingungen, das persönliche Verhältnis zur beauftragten Firma, die geografische Lage des Studios, die Höhe der Gage, die zeitliche Verfügbarkeit. Wie, so viele? Ja! Beginnen wir mit dem einfachsten Grund: Ein*e Schauspieler*in ist in der geplanten Zeit der Aufnahmen im Urlaub, unabkömmlich oder schon anderweitig engagiert. Dann muss man entweder verzichten oder darauf hoffen, als deutsche Stimme so wichtig (und alternativlos) zu sein, dass die Aufnahmen verschoben werden. Ist man bei der beauftragten Synchronfirma (aus welchen Gründen auch immer) „Persona non grata“, hilft einem nur eine ausdrückliche Order des Auftraggebers (der sogenannte Verleih-Wunsch), die Rolle trotzdem sprechen zu dürfen. Wem die daraus eventuell resultierenden betriebs-atmosphärischen Störungen nichts ausmachen, kann dann seinen Job antreten. Aber schön ist das eher nicht.
Zuweilen erhalten auch Synchronstudios, denen (neben anderem) das Verständnis für die Existenz und Notwendigkeit von Cutter*innen fehlt, den Zuschlag für einen Film. Denn das spart Zeit, Geld und lästige Diskussionen. Wer da (auch bei einer lukrativen Rolle) tapfer „Nein“ sagen kann, sei an dieser Stelle ausdrücklich beglückwünscht.* Die Frage, in welcher Weltstadt (mit mehr oder weniger Herz) die Aufnahmen mit dem Gros der Rollen stattfinden, ist heutzutage technisch weniger problematisch, aber trotzdem nicht ganz unwichtig. Zwar muss nur noch selten jemand „eingeflogen“ werden, aber Produktionen aus einem Guss sind doch beliebter als bundesweites Synchron-Patchwork. Und wenn man Pech hat, gibt es auch in der anderen Stadt ein adäquates Stimmendouble.
Die exklusive deutsche Stimme dieses Schauspielers oder jener Schauspielerin zu werden (und zu bleiben!), würde auch voraussetzen, dass die geforderte Gage bei keiner Firma ein Hindernis ist. Da kann es schon passieren, dass man gar nicht erst „angefragt“ wird, weil man von vornherein in einem zu hohen Preissegment verortet wird. Und manchmal wird man auch schlichtweg … vergessen. Weil keine Zeit blieb nachzugucken, wer wen schon einmal oder gar öfter gesprochen hat. Und schon entsteht eine empfindliche Lücke in der makellosen Feststimmen-Chronologie. Dann darf man natürlich nur noch sagen: „Ich bin die Fast-Stimme von …!“

* Es fragt sich natürlich, wer dann stattdessen die Rolle übernimmt?

Stefan Krause
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Synchronisiert schon seit analogen Zeiten in Hamburg, München und (hauptsächlich) Berlin. Er ist seit Anbeginn Mitglied des IVS und der Gewerkschaft ver.di, seit 2007 in der Redaktion der UNSYNCBAR und seit 2019 in der SCHAUSPIEGEL-Redaktion.
Er lebt, liest und arbeitet autolos & mobil in Berlin-Kreuzberg.