
Emilia de Fries: Was hat dich dazu bewogen, Filme zu entwickeln?
Sara Sommerfeldt: Das eklatante Fehlen aller Perspektiven, außer der weißer cis-Männer aus der Oberschicht. Ich bin damit aufgewachsen und es war wie ein Brainwashing, das dazu geführt hat, dass ich mich sogar selbst aus einer männlichen Perspektive heraus bewertet und auf das reduziert habe, was Mann von mir wollte. Ich möchte nun endlich die Themen, die mich und andere Frauen, Mütter interessieren, sowie die Perspektiven anderer unterrepräsentierter Communities, wie beispielsweise Menschen mit Behinderung, mit Migrationsgeschichte und/ oder aus der LGBTQIA+ Community, auf den Bildschirm bringen. Ein unfassbarer Schatz, den unser Publikum übrigens auch sehen will. Denn es ist viel diverser als diejenigen, die die Inhalte bisher bestimmt haben.
Wie geschah dein Schritt zum Aktionismus?
Ich habe mich Pro Quote Film & Pro Quote Bühne angeschlossen, wollte aber unbedingt künstlerisch Teil der Lösung sein. Stoffe entwickeln, die mir fehlen, die wir aber dringend für gesellschaftliche Veränderung brauchen. Die Beratungssparte habe ich aufgebaut, weil wir alle rassistisch, sexistisch und ableistisch sozialisiert wurden. Es nützt nichts, wenn Frauen Filme machen, ohne sich mit dem eigenen internalisierten Sexismus auseinandergesetzt zu haben.
Denn Freiwilligkeit ist zwar nett, aber nicht effektiv genug. Ohne Quote werden wir alle die Gleichstellung der Geschlechter nicht mehr erleben. Eine andere Möglichkeit der Verteilung von Fördergeldern sind anonymisierte Auswahlverfahren, bei denen nur die Qualität zählt.
Wie geschah dein Schritt zum Aktionismus?
Ich habe mich Pro Quote Film & Pro Quote Bühne angeschlossen, wollte aber unbedingt künstlerisch Teil der Lösung sein. Stoffe entwickeln, die mir fehlen, die wir aber dringend für gesellschaftliche Veränderung brauchen. Die Beratungssparte habe ich aufgebaut, weil wir alle rassistisch, sexistisch und ableistisch sozialisiert wurden. Es nützt nichts, wenn Frauen Filme machen, ohne sich mit dem eigenen internalisierten Sexismus auseinandergesetzt zu haben.
Welche Themen greifst du bewusst auf und welche begegnen dir, suchen umgekehrt dich auf?
Mich beschäftigen Themen wie Mutterschaft, die bis heute andauernde und vielfach verneinte Unterdrückung der Frau, diese große Lüge von der Gleichberechtigung, in der wir leben. Mich beschäftigen auch Themen von Machtmissbrauch, geschlechtsspezifische Gewalt, Rassismus, Antiziganismus, Ableismus. Die Geschichten all der Menschen, die noch nicht erzählt wurden. Wenn ich mich selbst dabei ertappe, dass ich unbewusste Vorurteile in meinem Kopf mit mir herumtrage, will ich sofort ein Projekt dazu machen. Außerdem reizen mich Themen, die uns alle stark beschäftigen, an die sich aber niemand herantraut. Stark tabuisierte Themen, die von Gate-Keepern, die ihren persönlichen Geschmack für allgemeingültig halten, als uninteressant eingestuft werden. Oder, die beispielsweise von konservativen Kräften blockiert werden, weil sie sich auf den Schlips getreten fühlen. Diese Themen werden in Zukunft immer wichtiger werden, weil sie neue Zielgruppen ansprechen, die noch kaum bedient werden. Und die besten Filme stammen immer von Menschen, die aus eigenem Erleben wissen, wovon sie erzählen.
Wie empfindest du queer-feministische Themen in Bezug auf Kinderrechte?
Ich finde, dass das ganze Spektrum Kinderarmut und Kinderrechte fast komplett negiert wird. Wir leben in der Verblendung, dass es Elend und Armut nur in anderen Ländern gibt. Es ist immer einfacher, Probleme bei anderen zu identifizieren als bei sich selbst. Das Gleiche geschieht zum Thema Feminismus. Da heißt es „Ja, aber verglichen mit Land X geht es den Frauen in Deutschland doch gut.“ Deutschland ist aber lang nicht so fortschrittlich, wie es meint. Als queeres Paar ein Kind zu bekommen, ist nach wie vor keine Selbstverständlichkeit. Die Bedürfnisse von Müttern und Care-Taker*innen finden wenig Beachtung, auch unter heutigen Feministinnen. Da heißt es dann „Selber schuld, wenn du Kinder bekommen hast!“. Überhaupt wird das Potenzial von Care-Taker*innen zu wenig gefördert. Ein großer Verlust, denn sie sind oft sehr gut ausgebildet. Es ist eine große Lüge, dass heutzutage Beruf und Elternschaft problemlos vereinbar wären. Die Strukturen sind zutiefst konservativ, zumindest in den westdeutsch geprägten Bundesländern. Es heißt: „Wenn du nicht gleich nach der Geburt wieder arbeitest, wirst du nie wieder einen Job finden.“ Gleichzeitig gibt es gar keine Betreuung für dein Kind. Die Quadratur des Kreises. Und selbst wenn man einen Platz ergattert – wenige Wochen nach der Geburt das Kind in eine Betreuung zu geben, die strukturell komplett überlastet ist, finde ich persönlich nicht vertretbar. Die Eingewöhnung in der Kita ist ein Alptraum. Die Auswirkung auf die Psyche der Kinder durch komplett überforderte Betreuer*innen können verheerend sein und schaden unserer zukünftigen Gesellschaft. Feminismus ist oft das Bild der starken Frau, die alles problemlos wuppt. Für mich bedeutet Feminismus aber, dass alle Care-Taker*innen selber wählen können, wie lange sie Elternzeit nehmen möchten und weder dazu gezwungen sein sollten, zu Hause zu bleiben, noch sofort wieder arbeiten zu müssen. Feminismus bedeutet für mich, dass alle Menschen selbst über ihr Leben bestimmen dürfen und dabei keinem Bild entsprechen müssen, wie sie zu sein haben. Das kommt auch den Kindern zugute!
Wie erlebst du die Förderlandschaft bezüglich struktureller Benachteiligung von Geschlecht und Hautfarbe und in Bezug auf Ableismus?
Glücklicherweise hat sich einiges getan und einige Förderungen machen Diversitäts-Standards zur Bedingung der Förderung. Da können wir von Österreich und England noch viel lernen. (Anm. d. Red.: Was Sara damit meint, sind die „British Film Insitute – Diversity Standards for film“. Wer diese Punkte nicht einhält, wird auch nicht gefördert.) Denn Freiwilligkeit ist zwar nett, aber nicht effektiv genug. Ohne Quote werden wir alle die Gleichstellung der Geschlechter nicht mehr erleben. Eine andere Möglichkeit der Verteilung von Fördergeldern sind anonymisierte Auswahlverfahren, bei denen nur die Qualität zählt. Alle unterrepräsentierten Gruppen brauchen zusätzlich extra Förderungen, damit sie aufholen können – es wurde ihnen ja in der Vergangenheit kaum etwas zugetraut, weswegen es ihnen an Erfahrung und Referenzprojekten fehlt. Auch Care-Taker*innen brauchen extra Förderungen zum Wiedereinstieg in den Beruf.
Oft schließen die Förderkriterien Care-Taker*innen sogar aus. Kinder werden nach wie vor nicht als Bereicherung, sondern als Störfaktor in einer Künstler*innen-Biographie wahrgenommen. Ein Förderreferent, bei dem ich anregte, eine extra Förderung für Care-Taker*innen einzuführen, um ihnen die Rückkehr ins Berufsleben zu ermöglichen, antwortete mir, er sei doch nicht das Sozialamt. Puh. Das lässt tief blicken! Es bleibt viel zu tun. Aber wenn wir zusammenhalten, schaffen wir das.