
Denn auch wenn man vor der Schwangerschaft schon recht erfolgreich war, heibt es noch lange nicht, das mehrere Grunde, aber mal ganz von vorne.
Ist erst einmal bekannt, dass Frau schwanger ist, bleibt sie das in den Köpfen von Caster*innen, Redakteur*innen und Produzent*innen nämlich für sehr lange. Eigentlich für immer, wenn man nicht selbst darüber aufklärt, dass die zehnmonatige Tragezeit ein Ende hat. Frau wird also geraten, nach erfolgreicher Niederkunft, einen Newsletter zu schreiben, um alle darüber zu informieren, dass man seinen Körper ab jetzt wieder ganz für sich allein hat und gerne wieder besetzt werden möchte. Aber auch, wenn Frau nach der Niederkunft im Handumdrehen wieder so aussieht, als hätte es die letzten zehn Monate gar nicht gegeben, Disziplin und Rückbildung sei Dank, bedeutet dies noch lange nicht, dass man sofort als die heiße Verführerin, oder die toughe Kommissarin besetzt wird.
Einigen fehlt dafür einfach die Fantasie. Wie soll „eine postnatale Mutti“ solche Rollen denn auch authentisch verkörpern können, wo sich doch alles nur noch um Windeln, Stillen und zu wenig Schlaf dreht? Mit diesem Wissen im Hinterkopf fällt es einer Schauspielerin verständlicherweise schwer, sich für ein Kind zu entscheiden. Davon abgesehen scheint es sowieso nie den richtigen Zeitpunkt für ein Kind in unserer Branche zu geben.
Entweder, man befindet sich gerade in einem festen Engagement, man hat eine Rolle in einer fortlaufenden Produktion, oder man wartet auf etwas Großes, was mit einem einzigen Anruf das Leben auf den Kopf stellen könnte. Dann möchte man schließlich bereit sein, und nicht aufgrund eines verschluckten Fußballs absagen müssen. Viele Schauspielerinnen fühlen sich also in eine „Entweder … oder“ Falle getrieben. Entweder bin ich beruflich erfolgreich und mache als Schauspielerin Karriere, oder ich gehe meinem Wunsch nach Familie nach und bin dann erstmal für längere Zeit raus.
Männer brauchen sich dieser Problematik hingegen nicht zu stellen. Auch wenn einige schauspielende Papis aus Solidarität zu ihren Partnerinnen während der Schwangerschaft mehr Kilos zule gen, als die schwangeren Frauen selbst, bedeutet dies keinen Einschnitt in ihrer Karriere. Bei allen Gleichberechtigungsdebatten verdient dieses Thema ein besonderes Augenmerk, denn es ist einfach nicht fair, dass Frau offensichtlich gezwungen wird, sich für oder gegen etwas zu entscheiden, während es bei den Männern absolut keine Rolle spielt, ob xy gerade Papa geworden ist und vielleicht eine erhöhte Oxytocin Produktion aufweist (die gibt es bei Vätern nämlich auch).
Abgesehen davon, dass es schwer ist, als Mutter wieder als Schauspielerin ernst genommen zu werden, wird einem das Drehen mit Kind nicht wirklich leicht gemacht. Man kann froh sein, wenn man es geschafft hat, aus der postnatalen „ständig habe ich Babykotze auf meiner Schulter“ Falle zu entfliehen und wieder drehen darf. Wie man das allerdings mit dem neuen Familienmitglied organisiert, bleibt einem selbst überlassen. Da gilt, wie bereits in der Schwangerschaft auch: Bloß kein Klotz am Bein der Produktion zu sein. Nicht, dass sie es noch bereuen und einen Recast organisieren.
Ist erst einmal bekannt, dass Frau schwanger ist, bleibt sie das in den Köpfen von Caster*innen, Redakteur*innen und Produzent*innen nämlich für sehr lange.
Kurz bevor meine Tochter zwei Jahre alt geworden ist, habe ich in einer Serie mitgespielt, die in München gedreht wurde. Über drei Monate lang war ich im Wechsel eine komplette Woche in München und habe gedreht, während meine Tochter bei meiner Mutter in Bochum geblieben ist, und eine Woche zu Hause bei meinem Kind. Und auch, wenn mir die Dreharbeiten enorm viel Spaß gemacht haben und ich mich gefreut habe, nicht mehr ausschließlich Mama zu sein, so habe ich jeden Sonntag auf dem Weg zum Düsseldorfer Flughafen Rotz und Wasser geheult, bei dem Gedanken, meine Tochter wieder sieben Tage lang Es sollten Möglichkeiten nicht sehen zu können. Jetzt kann man natürlich sagen, dass meine Entscheidung absolut freiwillig war und mich niemand dazu gezwungen hat, was definitiv so war. Dennoch musste ich mit offenen Augen und vollem Bewusstsein in die „Entweder … oder“ Falle laufen. Entweder ich drehe und verdiene nebenbei als alleinerziehende Mutter unseren Lebensunterhalt, oder ich bleibe zu Hause bei meiner Tochter. Beides ging nicht. Und darin liegt die Ungerechtigkeit begründet. Es ist ungerecht, dass wir Frauen uns für den Job und die Karriere auf Kosten unserer Familie entscheiden müssen und Männer einfach beides haben können.
Von vielen Kolleg*innen weiß ich, dass sie sich, wenn die Karriere einmal läuft, sehr schwer damit tun, eine Familie zu gründen, auch wenn der Kinderwunsch enorm hoch ist. Bei einigen ist es dann irgendwann zu spät und wenn dann noch ein langjähriges Engagement mir nichts, dir nichts aufgehoben wird, ist der Begriff Sinnkrise weit entfernt davon, das zu beschreiben, was Frau fühlt. Andere Kolleg*innen, die bereits Kinder haben, versuchen dies geheimzuhalten, damit sie weiterhin gebucht werden.
Auch mir wurde dazu schon mal geraten. Kurz habe ich tatsächlich darüber nachgedacht, mich dann aber zum Glück dagegen entschieden. Ein Kind ist keine vorübergehende Anschaffung, wie ein Kleidungsstück, das gerade en vogue ist, sondern eine äußerst langfristige Entscheidung. Eine Entscheidung für immer. Ein Kind verändert alles im Leben einer Frau, aber besonders zum Guten.
Seitdem ich Mutter bin, habe ich einen viel leichteren Zugang zu meinen Emotionen, meine Range an möglichen Rollen hat sich so sehr erweitert, im Vergleich zu vorher, als ich bei einer gespielten Fehlgeburt noch an mein totes Meerschweinchen denken musste, weil ich mir nicht vorstellen konnte, wie sich der Verlust eines Kindes anfühlt. Ich fühle mich angekommen, geerdet und zirkuliere nicht mehr nur um mich selbst herum.
Das Allerschönste: Es gibt kein „After Drehloch“ mehr. Egal, wie schön eine Produktion auch gewesen ist, ich freue mich jedes Mal, nach Hause zu kommen, ich bin nicht traurig, wenn Wochenende oder Winterpause ist, weil da jemand ist, der mich wirklich liebt und auf mich wartet und für den es sich lohnt, nach Hause zu kommen.
Und das, liebe Kolleg*innen, dürft ihr euch von nichts und niemandem auf der Welt nehmen lassen!
Es sollten Möglichkeiten geschaffen werden, die es uns ermöglichen, sowohl erfolgreiche Schauspielerinnen, als auch Mütter zu sein. In anderen Bereichen ist dies schließlich auch möglich. Als ich studiert habe, gab es an der Ruhr Universität Bochum zum Beispiel eine KITA direkt auf dem Campus.
Um 8 Uhr konnte ich meine Tochter dort hinbringen und um 8:15 Uhr saß ich pünktlich in meiner Shakespeare Vorlesung.
Neben neuen Jobs am Set, wie den Intimicy Koordinator*innen, die dafür Sorge tragen, dass intime Szenen im Vorhinein genau besprochen, und wenn nötig, durchchoreographiert werden, sollte es auch ein Betreuungsangebot für die Kinder der Schauspielerinnen, oder auch der Schauspieler geben, wenn dies benötigt wird, um die „Entweder … oder“ Falle ein für alle Mal zuschnappen zu lassen, und zwar ohne toter Maus darin.
Dies wäre ein großer Schritt weg vom „Entweder … oder“ und hin zum „Sowohl, als auch“, der die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ein großes Stück vorantreiben würde.
