
Dürfen Männer da nicht ins Kino?“ Diese Frage, die den Macher*innen des Internationalen Frauen Film Fest Dortmund+Koln noch immer in Interviews gestellt wird, wirkt provozierend und spielt auf die Frage an, ob es heute wirklich noch ein Frauenfilmfestival brauche?
Die Wurzeln des IFFF reichen schließlich bis weit in die 1980er Jahre zurück. Filmstudentinnen der Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft der Universität Köln gründeten dort 1983 die Feminale und organisierten 1984 basisdemokratisch das erste Frauenfilmfest. Die Kolleginnen im Ruhrgebiet gründeten ihr Festival Femme Totale 1986, in Anlehnung an die Inhalte und Ziele, die in der 1974 gegründeten Zeitschrift „Frauen und Film“ formuliert wurden.
Der erste Impuls beider Festivals, das Filmschaffen von Frauen sichtbar zu machen und Filme jenseits des patriarchal geprägten Mainstreams zu zeigen, differenzierte sich in den Folgejahren aus. Schon 1991 wurde mit dem Programm für Kinder und Jugendliche ein Anspruch auf feministische Filmbildung formuliert. Ein Preis für Debütfilme von Regisseurinnen wurde 1995 erstmals vergeben, 2001 kam eine Auszeichnung für Nachwuchsbildgestalterinnen hinzu – bis heute weltweit einzigartig. Der Anteil von Frauen in diesem Gewerk dümpelte damals im niedrigen einstelligen Prozentbereich. Die Macherinnen in Köln hatten ab 1992 auch lesbisches Filmschaffen früh und regelmäßig im Blick, heute heißt die Sektion „begehrt! filmlust queer“ und verdeutlicht die Entwicklung zu einem intersektionaler werdenden Selbstverständnis. 2006 fusionierten die Feminale in Köln und Femme Totale in Dortmund schließlich zum IFFF, das biennal zwischen den Standorten wechselt. 2021 glich das Festival schließlich die bis dahin unterschiedliche Programmstruktur an und präsentiert seitdem alle Sektionen bei jeder Festivalausgabe. Als größtes feministisches Filmfestival Deutschlands bietet das IFFF so eine Bühne für das Filmschaffen von Frauen, Debütfilme von Regisseurinnen, (historische) Themenreihen und (film)politische Diskurse.
Bei der Ausgabe 2023 in Dortmund war die Jury im Internationalen Spielfilmwettbewerb mit Sara Fazilat, Maria Furtwängler und Helke Sander besetzt, die für drei Generationen von feministischem Aktivismus stehen: Helke Sander gründete die Zeitschrift „Frauen und Film“ und initiierte durch ihre Rede auf einer Delegiertenkonferenz des SDS 1968 die Frauenbewegung in der BRD. Zwei Jahre zuvor wurde Maria Furtwängler geboren, deren Schauspielkarriere Ende der 1980er Jahre begann. Gemeinsam mit ihrer Tochter Elisabeth rief sie 2016 die „MaLisa-Stiftung“ ins Leben, die sich gegen Gewalt an Frauen und Mädchen weltweit, gegen geschlechtsspezifische Diskriminierung und für mehr Diversität in TV und Kino, vor und hinter der Kamera, einsetzt. Gleichzeitig erstellt die Stiftung Studien, um ihre Forderungen wissenschaftlich zu untermauern. Zuletzt erschien die Fortschrittsstudie zur audiovisuellen Diversität (März 2022). Zu deren wichtigsten Erkenntnissen gehört, dass Hauptrollen zwar mittlerweile annähernd paritätisch besetzt sind, insbesondere Schauspielerinnen ab Mitte 30 aber sukzessive von der Leinwand verschwinden. Von der Hegemonie weißer und normschlanker Frauenkörper bei der Rollenbesetzung ganz zu schweigen.
Diese Diskriminierung erfuhr auch Sara Fazilat schon vor Beginn ihrer Karriere. 1987 in Teheran geboren und in Bremen aufgewachsen, blitzte sie zunächst bei den meisten deutschen Schauspielschulen ab. Talent wurde ihr attestiert, aber eine kurvige Person of Colour konnten sich die Verantwortlichen einfach nicht auf der Bühne oder vor der Kamera vorstellen. Fazilat kämpfte sich durch, studierte stattdessen in London Schauspiel und Produktion an der DFFB. Als Produzentin, Co-Autorin und Hauptdarstellerin von „Nico“ startete sie richtig durch. Der Film über eine Altenpflegerin, die Opfer eines rassistischen Angriffs wird und sich mit Karate aus dem Trauma freikämpft, brachte ihr unter anderem den Bayrischen Filmpreis als beste Nachwuchsdarstellerin und den Preis für den besten Schauspielnachwuchs bei Max Ophüls ein. „Nico“ gewann außerdem den Publikumspreis beim IFFF 2022.
Ein Ort wie das IFFF, auf dem Sichtbarkeit für feministisches Filmschaffen im Vordergrund steht und zunehmend intersektional gedacht wird, ist heute noch immer notwendiger denn je.
Drei Frauen, drei Generationen, dieselben Kämpfe. Vieles hat sich in den letzten Jahrzehnten für Frauen in der Filmbranche geändert. Aber Parität – wie es der Verein Pro Quote Film, zu deren Vorstand übrigens auch Fazilat gehörte, fordert – bedeutet das noch lange nicht. Bis zur gelebten Diversität über Gender hinaus, scheint es noch ein langer Weg zu sein. Die Dringlichkeit, mit der Feminale und Femme Totale in den 1980ern gegründet wurden, besteht also fort. Ein Ort wie das IFFF, auf dem Sichtbarkeit für feministisches Filmschaffen im Vordergrund steht und zunehmend intersektional gedacht wird, ist heute noch immer notwendiger denn je.
MAXI BRAUN
