
Was regt ihr euch denn so auf? Es gibt doch ganz viele Kommissarinnen …“, so oder so ähnlich lauten nach wie vor einzelne Reaktionen auf unseren Wunsch, so viel fältig wie unsere Realität es hergibt, in Film und Fernsehen abgebildet zu werden. Wir? Uns? 21 Mio. Frauen in Deutschland sind über 47 Jahre alt, das ist ein Viertel unserer Gesellschaft. Abgebildet wird dieses Viertel nach wie vor so, als handele es sich um eine irrelevante Minderheit. Um es ganz deutlich zu machen: Jede vierte Person in einem Film müsste über 47 Jahre alt und weiblich sein, um der Abbildung unserer Gesellschaft in Film und TV gerecht zu werden. In der realen Welt hört das Leben auch nicht mit 55 auf und geht dann erst wieder mit 62 weiter, dann als Oma oder als Kommissarin, wie das Fernsehen uns das durch Auslassung weismachen will.
Seit unserem „Let ́s Change the Picture“-Kampagnen-Start zur Berlinale 2023 hat sich dennoch schon einiges getan. Allem voran das Bewusstsein, sich miteinander zu verbinden, sodass aus diesem Kollektiv heraus der individuelle Mut entstehen kann, das Thema überhaupt anzusprechen. Es äußern sich immer mehr betroffene Kolleg*innen, Autor*innen, Caster*innen, Regisseur*innen, Agent*innen, Maskenbildner*innen, Kostümbildner*innen und alle anderen Gewerke, die in ihrer täglichen Arbeit mit Altersdiskriminierung von Frauen zu tun haben und an der Erarbeitung und Umsetzung von Film- und Fernsehstoffen beteiligt sind. Und die, die sich immer schon geäußert haben, finden neue Kraft, mehr Gehör und mehr Verbündete … Es gibt aber auch eine ganze Reihe von Entscheider*innen, die ernsthaft interessiert sind, daran etwas zu verändern, allen voran die ARD Degeto.
Wir sammeln die erlebten Geschichten, sprechen mit verantwortlichen Redakteur*innen, sind beteiligt an Drehbuchwettbewerben, Panels und länderübergreifenden Kooperationen, halten Vorträge und haben Zoom-Konferenzen, um zu überlegen, was jede*r einzelne tun kann, um diesem ganzen festgefahrenen patriarchalen Gefüge entgegenzuwirken. Wer sich über eine deutliche Ursache aufklären lassen möchte, dem empfehle ich dringend, den Film „Brainwashed – Sexismus im Kino” von Nina Menkes anzuschauen. Pflichtprogramm für jeden Filmschaffenden, der ernsthaft an einer ausgeglichenen Gesellschaft interessiert ist. Denn die Problematik beginnt ja schon mit der Objektifizierung der jungen Frauenfiguren. Wann kommt ein Film ohne Sexualisierung der weiblichen Protagonistin aus? Wann sehen wir Geschichten über Frauen, die ohne den Bezug zu einem Mann erzählt werden? „Das Lehrerzimmer“ mit Leonie Benesch ist hier die erfreuliche Ausnahme. Wenn uns also aufgrund der seit Jahrzehnten einseitig erlernten – aufgrund der seit Jahrzehnten einseitig erlernten – übrigens auch technisch erschütternd patriarchalen – Filmsprache (siehe Nina Menkes) zu jungen Frauen nichts anderes einfällt, ist es kein Wunder, dass uns zu älteren Frauen die Vorstellungskraft komplett fehlt.
Unsere neu dazu gewonnene Erfahrung durch Gespräche mit Verantwortlichen zeigt, dass, selbst wenn der Wille zur Veränderung da ist, der patriarchale Blick so tief in uns verankert, internalisiert ist, dass es enormer Anstrengungen und größter Aufmerksamkeit bedarf, nicht wieder und wieder in die Male-Gaze-Falle zu geraten. Ein übliches Missverständnis ist auch, dass wir qua unseres Geschlechts frei von einem männlichen Blick sind.
Das ist mitnichten so. Wir, und das gilt eben auch für uns Frauen, müssen uns selbst hinterfragen und überhaupt erstmal ein Bewusstsein dafür schaffen, wo und wie wir selbst Teil dieses Gefüges sind, ohne es zu merken. Erst dann kann sich etwas verändern!
Eine Erkenntnis hat uns in der Deutlichkeit selbst überrascht. Der blinde Fleck von Geschichten über Frauen zwischen 50 und 60 Jahren. Und hier meine ich nicht das Alter der Schauspielerinnen, sondern das Lebensalter einer erzählten Figur. Unsere Recherchen haben ergeben, dass man bis 55 als Schauspielerin die eine oder andere Rolle angeboten bekommt, sollte man das Glück haben, das Spielalter bis Ende vierzig bedienen zu können. Kann man ab Mitte Fünfzig „raufspielen“, also glaubwürdig ins Oma-Fach wechseln, kann man sich gut durch das Tal der fehlenden Geschichten schummeln. Das nehmen wir alle seit Jahrzehnten als gegeben hin. Aber die Zuschauerin wird durch die fehlende Abbildung einer so wichtigen Lebensphase um wichtige Erkenntnisse und um Vorbilder betrogen, die, ähnlich wie bei den im besten Falle Orientierung gebenden Coming-Of-Age-Filmen, wichtig sind, um sich in unserer Gesellschaft angenommen und verstanden zu fühlen.
Denn unter anderem, durch diese komplette Aussparung, sind wir Frauen mit Beginn der Perimenopause auch so überrascht, was da so alles mit uns passiert. Was wir durch das Fernsehen gut kennengelernt haben ist, wer wen wo umgebracht haben könnte und dass patente Väter lustige Abenteuer mit ihren flügge werdenden Töchtern erleben. Es wird Zeit, Coming-of-Middle-Age Filme als festen Bestandteil unserer Filmbranche zu installieren. Gerne jenseits der Klischeekiste, die bisher beim Thema Wechseljahre bedient wurde.
Jede vierte Person in einem Film müsste über 47 Jahre alt und weiblich sein, um der Abbildung unserer Gesellschaft in Film und TV gerecht zu werden.
Gut, die Klischeekiste klebt an uns wie Kleister, die werden wir bisher auch nach 60 Lebensjahren nicht los. „Was will man denn da auch erzählen?“, höre ich es schon rufen. „Nyad“ mit Annette Bening (65) und Jodie Foster (61) empfehle ich da aus vollem Herzen. Die Geschichte der amerikanischen Schwimmerin Diana Nyad ist im wahren Leben, wie im Film, eine Klarstellung, dass so viel mehr möglich ist für Frauen nach den Wechseljahren, als uns die Fernsehrealität weismachen will. Das, was wir nun dringend wieder und ernsthaft diskutieren, oder infrage stellen müssen, ist die Einschaltquote als Maßstab für die Existenzberechtigung eines Programms. Nimmt man den Auftrag ernst, der im Medienstaatsvertrag für öffentlich-rechtliche Sender verankert ist, ist die Quote eine Verhinderin von Diversität und Vielfalt. Damit auch nicht mehrheitliche Gruppen in den dringenden Bedarf der eigenen Abbildung und der Visualisierung von Vorbildern kommen, ohne in Spartenprogramme und Mediatheken abgeschoben zu werden, DARF die Quote sogar gar keinen Einfluss auf gesellschaftsrelevante kreative Entscheidungen haben.
GESINE CUKROWSKI
