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Ein angenehm milder Tag im Oktober 2023. Ich stehe mit offener Jacke in der Schlange vorm Eingang des Paul-Löbe-Hauses. Die Bundestagsfraktion der Grünen hat zum Parlamentarischen Abend geladen. Thema: Intersektionale feministische Kulturpolitik. Während wir geduldig darauf warten, gecheckt, betastet und durchleuchtet zu werden, gerät ganz vorne Bewegung in die Menschenansammlung. Hat sich da etwa jemand vorgedrängelt? Eine blonde Frau bespringt wild gestikulierend die verschlossene Glastür. Auch sie trägt ihre Bikerjacke lässig offen, die bunten Perlchen an ihrem luftigen Rock tänzeln mit jeder Bewegung. Ach, sieh an, es ist die Kulturstaatsministerin persönlich. Siebegehrt Einlass. Hin und wieder dreht sie sich zu uns um und lacht komplizenhaft. Ein paar Umstehende kichern.
Wäre ich näher dran und sie weniger zappelig, ich könnte Frau Roth mit spitzem Finger von hinten auf die Schulter tippen: „Räusper, Verzeihung, eine Frage: Wie läuft’s eigentlich mit dem geplanten Kulturwandel? Sie haben doch im Mai einen Aktionsplan vorgestellt, sind Sie da noch dran? Man hört ja so gar nichts mehr …” Aber, ach: Die Türflügel gleiten auseinander und die Ministerin verschwindet im Inneren des Gebäudes. Sie hat es eilig. Wenig später wird sie in ihrer Begrüßungsrede von der Freiheit des Kulturlebens als Menschenrecht sprechen. „Auch wer von Diskriminierung nicht betroffen ist, tut gut daran, sie zu bekämpfen.” Der Aktionsplan wird ebenfalls ein Thema sein. Der guten Ordnung halber sei erwähnt, dass dessen Erarbeitungsprozess auf ein Jahr angelegt war, Ergebnisse sollen „vor der Sommerpause 2024” vorgelegt werden. Ein Zwischenstand wäre trotzdem interessant. Auf welchen Arbeitsweg hat man sich geeinigt? Was haben die geplanten Kurzgutachten ergeben? Und was ist aus diesem ominösen Online-Tool geworden?

Bei dem Wort „Aktionsplan” klingelt’s nicht? Dann liegt das vermutlich daran,
dass die Info darüber kaum an die Öffentlichkeit gelangt ist.

Bei dem Wort „Aktionsplan” klingelt ́s nicht? Dann liegt das vermutlich daran, dass die Info darüber kaum an die Öffentlichkeit gelangt ist. Eine Pressemeldung und ein, zwei Interviews bei Deutschlandfunk Kultur, that ́s it. Ich treffe bis heute Kolleg*innen, die noch nie davon gehört haben. In meinem Artikel auf Theapolis vom 24.05.2023 („Was Altes, was Geborgtes – und irgendwas Digitales”) habe ich den Plan detailliert unter die Lupe genommen und Handlungsvorschläge gemacht. Zur Erinnerung: Im Frühjahr 2023 wurden die Ergebnisse einer repräsentativen Studie zu „Erfahrung und Erleben von sexueller Belästigung und Gewalt in den Kultur- und Medienbranchen“ veröffentlicht. Die verheerenden Zahlen belegten, was man in der Branche lange schon wusste: Wir haben ein massives Problem mit Machtmissbrauch. Künstlerische Berufe sind dabei besonders anfällig, Frauen deutlich häufiger betroffen als Männer, Freie mehr als Festangestellte. Die Kulturstaatsministerin sah sich richtigerweise zu umgehendem Handeln veranlasst. Gemeinsam mit der Antidiskriminierungsbeauftragten des Bundes, Ferda Ataman, dem Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats, Olaf Zimmermann, und der Themis-Vorständin, Eva Hubert, wurde ein Aktionsplan gegen sexuelle Belästigung und Gewalt in Kultur und Medien erarbeitet, man trat vor die Presse und rief: „Wir brauchen einen echten Kulturwandel!” So weit, so wahr.

So viel Optimismus kann wohl nur haben, wer nicht selbst unter diesen Strukturen leidet.

Die Inhalte – eher unkreativ: 1. Ein Code of Conduct (wie der Wertebasierte Verhaltenskodex des Bühnenvereins, nur eben größer), 2. die finanzielle Stärkung der Vertrauensstelle Themis (Ausbau der Präventionsformate) – und 3. irgendein Online-Tool, das irgendwem irgendwie bei irgendwas helfen soll, von dem aber auf meine Anfrage hin niemand, wirklich niemand wusste, was genau das eigentlich werden soll. Weder bei der Themis, noch beim BKM, noch beim Kulturrat. Die Quintessenz nach einigem Zuständigkeits-Pingpong: Es sei noch zu früh, um etwas Konkretes zu sagen. Zu allen drei Punkten. Dumme Frage: Überlegt man sich so etwas nicht genauer, bevor man damit an die Öffentlichkeit geht – zumindest, sofern man nicht nur eine Nebelkerze werfen will?
Ob der neue Code of Conduct denn dann verpflichtend werde und Verstöße geahndet würden? Nein, das ginge nicht, teilte man mir mit. Es könne nur bei Handlungsempfehlungen bleiben. Und die Präventionsangebote der Themis, werden denn die dann verpflichtend – wenigstens für Führungskräfte subventionierter Institutionen? Nein, es sei sinnvoller zu überzeugen statt zu verpflichten. Und es habe sich, so Themis-Vorständin Hubert, ja auch „inzwischen herumgesprochen […], dass wir nicht mehr in den verkrusteten Strukturen arbeiten wollen und können, wie bisher. Dass es für alle von Vorteil ist, wenn Mitarbeitende gewalt- und diskriminierungsfrei ihren Job machen können.” Es reiche erstmal, wenn Betroffenen der niedrigschwellige Zugang zu Beratungsangeboten ermöglicht werde. So viel Optimismus kann wohl nur haben, wer nicht selbst unter diesen Strukturen leidet. Seither: Keine Updates, keine Pressemitteilungen, keine Berichterstattung mehr. (Stand 18. Februar 2024, Redaktionsschluss.) Nicht, dass das Thema in unserem täglichen Berufsleben keine Rolle mehr spielen würde. Die Themis hat 2023 so viele Beratungen durchgeführt wie nie zuvor. Ein rbb-Reporter*innen-Team fand heraus, dass die seit Jahren vielfach erhobenen Machtmissbrauchsvorwürfe gegen die Intendantin des Berliner Gorki-Theaters Shermin Langhoff niemals richtig auf gearbeitet worden waren. Offenbar hatte – entgegen den Angaben des Senats – gar kein Mediationsverfahren stattgefunden. Ihre Amtszeit wurde trotzdem um weitere sechs Jahre verlängert. Am „Klima der Angst” habe sich seither nichts geändert, berichten Gorki-Mitarbeitende in der Reportage Willkürherrschaft an Bühnen?. Sie wurde im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ausgestrahlt. Zuständig fühlt sich im Nachhinein niemand. Gab es da einen Aufschrei? Nö. Weitere Ermittlungen? Nada.
Zurück zum Kulturpolitischen Empfang im Paul-Löbe-Haus. Dort wird Langhoff an diesem milden Oktoberabend von der Bühne herunter mehrmals explizit belobigt, von verschiedenen Redner*innen quasi als stolzer Leuchtturm des intersektionalen feministischen Theaters in Deutschland hervorgehoben. An einem Abend, an dem über systematische Diskriminierung aufgeklärt und diskutiert wird. Da kann man sich schon wundern. Die Branche feiert sich selbst, statt „mit wachen Augen auf die Strukturen” zu schauen, wie Claudia Roth stets betont.
Als Vertreterin der Schauspielzunft sitzt eine prominente Kollegin auf dem Podium. Tatort-Kommissarin, definitiv eine der Privilegierteren in der Branche. Im Interview beklagt sie die immer schlechter werdende Bezahlung bei zunehmendem Arbeitsaufwand am Set. Einblick in aktuelle Vorgänge am Theater hat sie augenscheinlich nicht. Versuche ihres Interviewpartners, das Gespräch etwa auf die von Bühnenverein und dramaturgie-netzwerk erarbeitete Intendanzfindungs-Handreichung zu lenken, versanden. Nach ihren eigenen Erfahrungen mit Übergriffen im Arbeitsumfeld gefragt, winkt sie ab: Sie sei schon immer selbstbewusst genug gewesen, um sich zu wehren. Wenn ihr so ein Regisseur in die Wange kneife, dann kneife sie eben zurück.
Spätestens in diesem Moment will man auf die Bühne springen und schreien: Ist das Euer Ernst? Soll das die Conclusio sein: Wer nicht genügend Schneid hat, ist selbst schuld? Wie sollen Betroffene da den Mut aufbringen, für sich und ihr Recht einzustehen? Beratungsstellen, schön und gut. Aber wie soll ein Gefühl des Vertrauens entstehen, wenn die Verantwortung den Betroffenen zugeschanzt und gleichzeitig überall weggeguckt wird? Ist es Euch überhaupt ernst mit dem Kulturwandel? Spontan fallen mir mindestens fünf Kolleginnen ein, die auf diesem Podium hätten sitzen und berichten können, wie es Schauspielerinnen ergeht, die sich das Selbstbewusstsein, übergriffige Vorgesetzte zurückzukneifen, gar nicht leisten können. Weil sie nun mal auf ihr schlecht bezahltes Engagement angewiesen sind. Weil sie Angst haben, nicht mehr besetzt zu werden, kein Bein mehr auf den Boden zu kriegen in der Branche. Berechtigte Angst, wohlgemerkt. Frauen, die Verbesserungsideen gehabt hätten. Nur eben keinen großen Namen, mit dem man seine Veranstaltung schmücken kann.

Mit Veränderung muss auch immer Selbstkritik einhergehen. So ein Aktionsplan verliert einiges an Glaubwürdigkeit, wenn doch nur wieder alte Flops neu produziert werden. Ein Überraschungserfolg wie „Der Pate – Teil 2” ist kaum zu erwarten. Es braucht jetzt vor allem einen Perspektivwechsel. Maßnahmen, die Betroffene ernst nehmen und Täter*innen signalisieren: So geht ́s nicht, Euer Verhalten hat Konsequenzen. Es ist möglich. Satzungen lassen sich ändern. Wollen muss man es aber. Und dann auch wirklich handeln. Andernfalls hat das Wort „Aktion” in diesem Plan nichts zu suchen. Und der Ruf nach Kulturwandel bedeutet nicht mehr als all die „thoughts and prayers” der Waffenlobby nach jedem neuen Mass Shooting.

Karen Suender
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ist Schauspielerin und lebt mit Kind und Katzen in Berlin-Schöneberg. Seit der Geburt ihres Sohnes ist sie schwerpunktmäßig als Sprecherin und Rezitatorin tätig. Außerdem zeichnet sie verantwortlich für den jährlich erscheinenden Theapolis-KIBA, den Künstlerischen Initiativ- Bewerbungs-Almanach für Schauspieler*innen und Sänger*innen. Mehr unter http://www.thrapolis.de/ karensuender