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STEFAN KRAUSE: Kannst du zuerst etwas über deinen beruflichen Werdegang erzählen?
AXEL HANNEMANN: Ich habe meine ersten TV-Abenteuer 1986 als Studiohelfer beim Süddeutschen Rundfunk erlebt, indem ich dort auf die Kamera aufpassen durfte, während das Team Mittagspause machte oder auf der Straße Leute aufhalten sollte, solang die Kamera läuft. Als einmal die Cutterassistentin, die damals als Script mit ans Set kam, nicht erschien, drückte man mir die Cutterberichte in die Hand und sagte: Du bist jetzt Script. Und damit verdiente ich dann mein Geld, bis ich ab 1989 zum ersten Mal Regieassistent bei einem Low-Budget-Film war. Für diesen Job habe ich mich lange Zeit begeistert, war aber irgendwann unbefriedigt von der Aufgabe. Ab 2006 erhielt ich bei einer Telenovela die Gelegenheit, ins Regiefach zu wechseln. Seitdem arbeite ich als Regisseur in Daily- und Weekly-Serien.

Hat sich deine Arbeit in den letzten Jahren verändert? Was ist schwieriger, was ist besser geworden?!
Und: macht es noch Spaß?
In den letzten Jahren ist auf jeden Fall im Serien-Sektor die Tendenz zu erkennen, durch flexiblere Technik wie Kameras mit 4k-Auflösung in Handtaschenformat, Gimbal und Ronin statt Dolly, superleichte LED-Lichttechnik etc. in immer kürzerer Zeit immer mehr Sendeminuten herauszuholen. Da muss man im Kopf sehr flexibel bleiben und schnell schalten – aber gerade das kann ein großer Spaß sein.

Thema Zeit: Ist es auch bei dir so, dass immer weniger Zeit zur Verfügung steht, sowohl in der Vorbereitung als auch bei den Produktionen selbst? Wie plant man da sowas wie Privatleben?
In der Tat wird einem bei der Vorbereitung und beim Dreh immer weniger Zeit gewährt, in der laufenden Produktion ist dann für Privatleben eher wenig Platz. Zwischen den Produktionen ist dann allerdings die Zeit freier verfügbar, als wenn man irgendwo fest angestellt, mit vier oder sechs Wochen Urlaub arbeitet. Ich persönlich bin für Jobs, bei denen man das ganze Jahr über das Gleiche macht – wie beispielsweise in einem Büro zu sitzen – nicht gemacht und habe deswegen mit dem Zeitmanagement bei Film & TV eher kein Problem.

Wie sah es für dich in den „Corona-Jahren“ aus?
Interessanterweise schien TV-Unterhaltung auch als systemrelevant zu gelten, weswegen sich nach den ersten Turbulenzen – wo gar nichts ging – relativ schnell die Drehs mit den entsprechenden Sicherheitsmaßnahmen wie Schnelltests und Masken fortsetzen ließen – ganz besonders bei bereits etablierten Daily-Serien.

Momentan wird viel über den Einsatz von KI in den audiovisuellen Medien geredet. Ist das auch für dich ein Thema?
Ich kann mir gut vorstellen, dass es Firmen gibt, die ein Thema oder einen Stoff durch KI vorfertigen und dann durch eine*n Autor*in nochmal beseelen lassen wollen. Ob das wirklich funktioniert … ich glaube, auf Dauer nicht. Bis man Schauspieler*innen durch KI ersetzen kann, ist es wohl noch ein sehr weiter Weg, und diese Art von Produktionen werden meines Erachtens auch inhaltlich schnell hohl werden. James Cameron hat nach seinem spektakulären Avatar-3D-Erfolg verkündet, nun begänne eine neue Ära … Nichts dergleichen ist geschehen, denn 3D ist ein Effekt und kein beseelter Inhalt – und so ähnlich ist es auch mit KI. Das Ganze wird meiner Ansicht nach überbewertet.
Ich kann mir im Gegenteil denken, dass die Leute nach einer gewissen Zeit KI-Boom schließlich von dem, was sie sehen, wieder so etwas wie Wahrhaftigkeit und Echtheit erwarten, etwa so wie in der Musikbranche, wo nach einer Zeit, in der jedes Musikstück digital unendlich vervielfältigt werden konnte, ein totaler Überdruss dafür gesorgt hat, dass Live-Konzerte wieder boomten wie selten zuvor. Vielleicht ereignet sich sowas dann im Theater-Sektor …

Wo siehst du die Film- und TV-Branche in den nächsten Jahren? Was müsste sich ändern?
Für viele ist ein Arbeitsrhythmus, der einem technischen Mitarbeiter zwölf oder vierzehn Stunden am Tag abverlangt, zu hart. Warum können sich nicht zwei Beleuchter*innen oder Masken etc. eine solche Stelle teilen? Das wird bisher viel zu wenig berücksichtigt.

3D ist ein Effekt und kein beseelter Inhalt – und so ähnlich ist
es auch mit KI. Das Ganze wird meiner Ansicht nach überbewertet.

Außerdem sollte mehr Weitsicht in die Branche. Im Jahr 2022 gingen Produktionsleiter, ZAV, etc. händeringend in der Gegend umher und beklagten Personalmangel an allen Ecken und Enden und dass nicht genügend ausgebildet wird – in diesem Jahr sitzen viele Leute, die sonst durchgehend beschäftigt sind, zu Hause herum … Niemand wollte ehrlich wahrhaben, dass die Streaming-Produktions-Boom-Blase irgendwann mal platzt … In dieser Beziehung ist Deutschland eben doch eher Filmgewerbe als Filmindustrie …

 

Stefan Krause
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Synchronisiert schon seit analogen Zeiten in Hamburg, München und (hauptsächlich) Berlin. Er ist seit Anbeginn Mitglied des IVS und der Gewerkschaft ver.di, seit 2007 in der Redaktion der UNSYNCBAR und seit 2019 in der SCHAUSPIEGEL-Redaktion.
Er lebt, liest und arbeitet autolos & mobil in Berlin-Kreuzberg.