Seite wählen

FAROUK EL-KHALILI: Wie kam es zu deiner Namensänderung?
ERAY VON EGILMEZ: Vor 24 Jahren meinte mein ehemaliger Agent, dass es vorteilhafter wäre, wenn ich meinen Namen ändere. Sein Vorschlag war u. a. Eric. Mit meiner akzentfreien deutschen Aussprache und meinem nicht so „türkischen“ Aussehen wäre ich leichter besetzbar. Ich entschied mich dagegen und es reflektierte in mir sehr lange nach, da die Ausgrenzung von Menschen mit nicht-westlichen Namen und Geschichte bis heute stattfindet. Vor vier Jahren habe ich aber meinen Frieden geschlossen, indem ich auf humorvolle und kritische Weise mit einem „von“ den Migrantenadel begründete. (lacht).

Wie hat sich denn die Film- und Fernsehbranche beim Thema Diversität verändert oder nicht verändert?
Marginalisierte Gruppen werden sichtbarer. Es entsteht ein neues Bewusstsein. Die Arbeit von Studio Zentral, Panthertainment, die MOIN Filmförderung und die UFA mit Natalie Kudiabor als neue Geschäftsführerin, sind Erfolge und können nur der Anfang sein. Ich bin sehr dankbar für diese Veränderungen. Die Film- und TV-Verantwortlichen sollten sich jetzt aber nicht zurücklehnen. Fakt ist z. B., dass ca. 3,5 Millionen türkeistämmige Menschen in Deutschland leben und da muss ich festhalten, dass die eindimensionalen und negativen Bilder über uns und die arabische Community regelmäßig reproduziert werden. Und Deutsche Geschichte wird seit über 60 Jahren im Fernsehen lückenhaft erzählt. Es gibt bis heute im Fernsehen keine einzige große Serie, die die Zeit unserer Eltern seit den 60er Jahren aus ihrer Perspektive erzählt. Trotz ihrer Rundfunkbeiträge über die Jahre in Milliardenhöhe. Natürlich bin ich auch dankbar für „Almanya”, „Auf der anderen Seite” und die großartige Doku „Liebe, D-Mark und Tod“, aber es beschränkt sich auf Film. Der Diversitätsdiskurs hat sich in dieser Hinsicht bisher zu wenig verändert. Mir fehlt die Vielschichtigkeit dieser Menschen, die sich hier ihr Glück hart erarbeitet haben. Viele erkennen sich in den Geschichten nicht wieder, weil kaum Erfolgsgeschichten über sie erzählt werden.

Mir fehlt die Vielschichtigkeit dieser Menschen, die sich hier ihr Glück hart erarbeitet haben.

Glaubst du, dass der Mut verloren gegangen ist, tiefgründige diverse Rollen zu besetzen?
Teils, teils. 2023 wird eine Kommissar-Reihe von der UFA und Tommy Wosch für RTL mit einem “türkischen” Kommissar als Protagonisten produziert. Zehn gute, passende und bekannte türkeistämmige Kollegen von mir wurden nicht eingeladen. Auf Nachfrage schrieb man mir, dass man “Mit bestem Wissen und Gewissen besetzt hätte und ich mir keine Sorgen machen müsse”. Jetzt kommt heraus, dass ein einziger Schauspieler mit türkischen Background zum E-Casting eingeladen wurde und zum Live Casting zwei Iranische, ein Ägyptischer und ein Deutscher Kollege. Ich gönne echt jedem den Job, aber diese Ignoranz und Ausgrenzung muss aufhören. Es reicht. Wer Geschichten über uns erzählen will, muss uns mindestens zu Hauptrollen-Castings einladen und die Geschichten mit entwickeln lassen. Ein anderes Beispiel: Tatort. Wir haben ca. 22 Prozent Deutsche mit einem Migrationshintergrund und 6,5 Prozent Muslime in Deutschland. Demnach könnten bei ca. 45 Kommissar*innen von 23 Tatort-Teams zehn einen Migrationshintergrund haben und zwei bis drei muslimisch sein. Vielleicht sollten wir dann auch hier über eine Quote nachdenken?

Wie siehst du den Streik der SAG-AFTRA in den Vereinigten Staaten?
Dass unsere Bilder und Darbietungen geschützt werden, und wir bei der Nutzung von KI fair entschädigt werden. Was den Streik in den USA insgesamt angeht, zeigt, dass wir als Gewerkschaft etwas bewegen können, wenn wir uns alle zusammentun. Und ich drücke ihnen jedenfalls ganz fest die Daumen, dass sie sich durchsetzen.

Deine letzte Produktion war das Hörbuch „Vatermal“ von Necati Öziri. Das Buch steht auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Wie war die Arbeit daran für dich?
Ich hatte schon das Vergnügen, mit Necati am Theater zu arbeiten. Für mich ist er ein sehr wichtiger zeitgenössischer Autor. Mir war es eine große Ehre, diesem wichtigen Roman meine Stimme leihen zu dürfen. Eine ergreifende Geschichte über einen todkranken jungen Mann, der seinem Vater, ohne ihn zu kennen, einen Brief schreibt, für den Fall, dass er sich irgendwann für ihn interessiert.

Was den Streik in den USA insgesamt angeht, zeigt, dass wir als Gewerkschaft etwas bewegen können, wenn wir uns alle zusammentun.

Vielschichtig, mit viel Witz und Herz. Es wird viel über die Vergangenheit der Eltern erzählt, warum und wie sie hergekommen sind aus der Türkei. Es geht ums Aufwachsen und die Suche nach seinem Platz im Leben. Sollte man verfilmen. Und man sollte auch Sprecher*innen mit einem nicht-westlichen Namen für Hörbücher besetzen, dessen Autor*innen einen westlichen Namen haben. Leider gibt es dort noch viel zu tun. Wir werden eher nur angefragt, wenn es um Autor*innen mit einem nicht-westlichen Namen geht.

Wie systemrelevant empfindest du unseren Berufsstand?
Sehr relevant. Da gilt es erst mal, das Nötigste hinzukriegen, den Verletzten oder den Betroffenen zu helfen. Aber sobald sich eine gewisse Form von Stabilität wieder etabliert hat, brauchen wir Kunst und Kultur. Weil eben nicht nur Essen und Trinken uns am Leben erhält.

Vielen Dank dir, Eray, für das tolle Interview.

FAROUK EL-KHALILI
+ posts