Seite wählen
Logo Schauspiegel Transp Bw Neu

Es gibt nur einige Dinge mit Ewigkeitswert, die nicht infrage gestellt werden. Ein paar davon betreffen deutsche Synchronstimmen: Christian Brückner ist Robert de Niro, Karin Buchholz ist Sigourney Weaver, Arnold Marquis ist John Wayne, Marion Degler ist Sophia Loren und Gina Lollobrigida und Thomas Danneberg sogar Stallone, Schwarzenegger, Cleese, Travolta und noch ein paar andere. Das ist im Hörgedächtnis des Publikums eingeschreint und wird von Generation zu Generation weitergegeben. Man kann sogar annehmen, dass sich diese Informationen schon in der DNS nachweisen lassen.
Natürlich haben die letzten Jahrzehnte und Jahre viele neue Stars hervorgebracht, die ebenfalls oft von denselben Leuten gesprochen werden, obwohl es eine Seltenheit ist, dass diese eine Person jeden Film und jede Serie gesprochen hat. Und eigentlich ist das doch keine schlechte Sache, dass ein*e Schauspieler*in in unterschiedlichen Rollen und Charakteren auch mal stimmlich unterschiedlich besetzt wird, oder? … Diese naive und unschuldige Frage kann in der Synchron-Realität schwere Folgen haben, die bis zur Kündigung der Freundschaft führen können. Denn wer einmal den Olymp der Feststimme betreten hat, möchte diesen Ort anscheinend nie wieder verlassen. Zugegeben: Es ist ja auch ein Privileg, auf einen oder mehrere Schauspieler*innen abonniert zu sein. Andererseits liegt die „Lizenz zum Um- besetzen“ immer noch bei den Auftraggebern, die oft auch vor grandiosen Fehlentscheidungen nicht zurückschrecken und eventuelle Proteste des Publikums („Das ist kein Jim Beam!“) in den meisten Fällen ignorieren. Die Beispiele sind zahlreich …
Um so wichtiger scheint es deshalb zu sein, jemand präventiv zur Feststimme zu erklären. Das liest sich dann in einem Wikipedia-Eintrag so: „Der deutsche Standardsprecher(!) von … ist XY. Vertretungsweise(!) wird er auch von XX oder ZZ gesprochen.“ Dieser Text suggeriert ganz nebenbei, dass es der „Standardsprecher“ ist, der bestimmen kann, wer für ihn „vertretungsweise“ einspringt, wenn er – aus welchen Gründen auch immer – verhindert ist. Aber egal, ob der Betreffende selbst, ein*e Ghostwriter*in oder ein*e Fremd-Autor*in diesen Eintrag verfasst hat: Es entspricht nicht der Realität. Zum Glück lassen sich, zum Beispiel dank der „Deutschen Synchronkartei“, manche Behauptungen, die Stimme von irgendjemand zu sein, widerlegen, aber auch nachweisen.*
Nach dem Motto „It’s lonesome on the top” ist die Feststimme manchmal ein Fluch, weil man gerade durch diese Prominenz für viele andere Rollen „verbrannt“ ist. Auf der anderen Seite kann der finanzielle Segen aber auch dafür sorgen, dass dieser „Fluch“ ganz gut zu ertragen ist. Um nicht das Modewort „authentisch“ zu bemühen: Wir sprechen viele Rollen, aber es ist doch auch wichtig, vielleicht sogar die Hauptsache, die „Feststimme“ seiner selbst zu sein – und zu bleiben.
*Im Fall des Autors wären das u. a. Sean Penn, Tim Roth, Tom Cruise und – kaum zu glauben – Bruce Willis

Stefan Krause
+ posts

Synchronisiert schon seit analogen Zeiten in Hamburg, München und (hauptsächlich) Berlin. Er ist seit Anbeginn Mitglied des IVS und der Gewerkschaft ver.di, seit 2007 in der Redaktion der UNSYNCBAR und seit 2019 in der SCHAUSPIEGEL-Redaktion.
Er lebt, liest und arbeitet autolos & mobil in Berlin-Kreuzberg.