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FAROUK EL-KHALILI: Wie kam es dazu, dass du dich als Location Scout in der Filmbranche umorientiert hast?
TINA KNAUS: Umorientiert ist vielleicht zu viel gesagt, es hat mein Betätigungsfeld eher erweitert. Während der Corona-Zeit waren einige, wenige Filmdrehs nach Berlin/Brandenburg verlegt worden, die eigentlich im Ausland stattfinden sollten, und weil ich mich hier lokal und in der Filmbranche auskenne, trat man an mich heran, ob ich das übernehmen könnte.

Was war die seltsamste Anfrage, die du mal hattest?
Für eine Produktion, die normalerweise in tropischen Gefilden stattfinden sollte und auch coronabedingt hierher verlegt worden war, suchte man zwei Hochhäuser, die maximal 50 Meter auseinander stehen sollten, an der in schwindelnder Höhe eine Slackline befestigt werden und über die zwei Laiendarsteller ohne Stunterfahrung gehen sollten, um dann auf einem der beiden Hochhäuser ein romantisches Candlelight-Dinner zu genießen … im November! Nach langen Diskussionen konnte ich dann das Produktionsteam für eine ungefährliche und den Temperaturen angepasste Nervenkitzel-Al- ternative begeistern.

Du hast ja nicht nur für die Filmstudios Babels- berg gearbeitet, sondern auch für den Filmpark Babelsberg und hast dort zehn Jahre lang mit dei- nen Kolleg*innen die Horrornächte erfunden und inszeniert. Wie kam es dazu und wie kann ich mir diese Horrornächte vorstellen?

Die Horrornächte im Filmpark Babelsberg kann man sich wie einen begehbaren Horrorfilm vorstellen. Die Besucher*innen sind also nicht nur dabei, sondern mittendrin. Während man durch unterschiedliche Mazes, also Horrorlocations und -sets geht, wird man von bis zu 200 Darsteller*innen gehörig erschreckt und unterhalten. Bekannte Horrorfilmcharaktere von Nosferatu bis The Nun, Chucky – die Mörderpuppe, Leatherface und Horden von Zombies, Vampiren und Monster sorgen für schaurig-schöne Grusel-Unterhaltung. Die Idee dazu kam uns 2009, und weil Brandenburg gut etwas Halloween vertragen konnte, waren wir davon überzeugt, dass es trotz Gegenstimmen klappen wird. Für mich waren Horrorfilme schon immer eine Passion. Ob es das Set war, die Requisiten, die Kostüme und eben auch die schauspielerischen Leistungen. Ich finde das sehr spannend. Ein eigenes Genre. Anfangs haben wir mit 30 Darsteller*innen angefangen, wobei ich da selbst noch mitgespielt habe, und dann ist die Idee durch die Decke gegangen. Jetzt gehören die Horrornächte zu den erfolgreichsten Veranstaltungen des Filmparks Babelsberg. Eine richtige Erfolgsstory.

Jetzt gehören die Horror- nächte zu den erfolgreichsten Veranstaltungen des Filmparks Babelsberg.
Eine richtige Erfolgsstory.

Was bedeutet der Streik der SAG-AFTRA für dich persönlich?
Das war das erste Mal in 110 Jahren, dass im Studio Babelsberg nicht gedreht wurde. Das ist schon dra- matisch. Der Wegfall gerade der amerikanischen Produktionen war sowohl im Synchronbereich als auch für die gesamte Filmbranche einscheidend. Das wird auch nachhaltig spürbar sein. Wobei es natürlich vollkommen richtig ist, dass wir Schauspieler*innen uns für unsere Rechte einsetzen, weil gerade in Amerika die Verwendung von Künstlicher Intelligenz überhaupt noch nicht geklärt ist und was das für uns als Schauspieler*innen bedeutet. Langfristig würde das zum Aussterben unseres gesamten Berufsstandes führen. Aber ich sehe Krisen auch immer als neue Chance. KI bietet sicher auch neue Möglichkeiten, aber die rechtliche Seite muss dringend geklärt werden. Ich möchte immer wieder neue Felder ausprobieren, und es macht mir Spaß, wenn die Arbeit sehr vielfältig ist.

Wie siehst du die Zukunft der Künstler*innen in der deutschen Film- und Synchronbranche?
Also gerade für die Synchronbranche ist die KI-Ge- schichte schon brenzlig. Man kann mit KI sehr viel günstiger produzieren, und das ist die eigentliche Gefahr, die außerordentlich bedrohlich für uns ist. Ob da die bisherige Gesetzeslage schon ausreicht, das wird abzusehen sein. Prinzipiell fehlen mir in unserer Gesellschaft Futurist*innen: ob das in der Politik ist oder in der Filmbranche.

Die gemeinsame Passion, die Liebe zum Horror schweißt alle zusammen und das ist es, was mir an den Babelsberger Horrornächten besonders gefällt: die gemeinsame Leidenschaft zu einer Idee und der Zusammenhalt voller Respekt und Toleranz.

Was sind deine derzeitigen Projekte?
Scareactor-Coaching für die Horrornächte im Filmpark Babelsberg. Dieses Coaching unterschei- det sich von herkömmlichen Schauspielcoachings, weil natürlich auch die Erschreckertechniken ge- übt werden müssen und die Charaktere noch in- tensiver sind.

Was ist ein Scare-Actor?
Um Menschen zu erschrecken, gibt es eben be- stimmte Techniken, die man anwendet. Timing, schnelle Tempowechsel und das Abtrennen von Besuchergruppen sind dabei wichtig. Bewegungs- abläufe, Haltung und Emotionen sind dabei extre- mer als beim herkömmlichen Schauspiel-Coaching. Die schauspielerischen Grundlagen braucht man natürlich auch, deshalb teile ich mir diese Aufgabe mit meiner lieben Kollegin Bettina Ratschev. Alle Darsteller*innen durchlaufen ein mehrtägiges Coa- ching, bei dem sie auch ihre Mitmonster*innen und Spielpartner*innen kennenlernen. Die gemeinsame Passion, die Liebe zum Horror schweißt alle zusam- men und das ist es, was mir an den Babelsberger Horrornächten besonders gefällt: die gemeinsame Leidenschaft zu einer Idee und der Zusammenhalt voller Respekt und Toleranz.

Wie ist es für dich als Frau in der Schauspielbranche in Deutschland zu arbeiten?
Ich hatte den Eindruck, dass Corona besonders uns älteren Frauen sehr geschadet hat. Ich habe es selbst erlebt, dass wir Frauen die ersten waren, die ihre Solo-Selbstständigkeit nicht mehr aus- führen konnten. Man muss sich ja nur mal die Casting-Anforderungen durchlesen. Wann wird denn da schon mal jemand ab 50+ gesucht? Das ist schon selten genug und wenn es diese Rollen gibt, werden diese mit Frauen 30+ besetzt und das in Zeiten, in denen die Boomer-Generation jetzt im Rentenalter ist. Da muss sich was ändern und gerade der Film hat da eine große gesellschaftliche Verantwortung.

Das ist ein schönes Schlusswort. Ich danke dir, Tina, für das tolle Interview.

monot@hey.com | + posts