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Welche*r Theaterschauspieler*in kennt das nicht? Man spielt in einer absoluten Lieblingsinszenierung der Lieblingsresseurin – die Kritiken waren bombastisch, die Premierenfeier berauschend – aber: die Zuschauer*innen bleiben weg. Seit Corona wissen wir: mit mehr Zuschauer*innen macht spielen in der Regel mehr Spaß – der Funke springt einfach schneller über, die Zuschauer*innen stecken sich in der Regel mit Reaktionen an, das bekommt man dann auch schneller mit auf der Bühne. Eine schöne Wechselwirkung, dieses wunderschöne, geheimnisvolle Live-Erlebnis einer Vorstellung!
Aber seit Corona wissen die Zuschauer*innen leider auch: Ins Theater zu gehen, bedeutet Aufwand Kosten und Zeit. Seit den Lockdownzeiten haben die Leute es sich abgewöhnt, Theaterabende lange im Vorhinein zu planen und Tickets zu kaufen – zu groß IST die Angst, die Vorstellung würde kurzfristig abgesagt und man bleibt auf den Kosten sitzen.

Abgesehen davon, dass man als Darstellende*r immer öfter aufgefordert wird, selbst auf Social Media aktiv zu werden

Dazu kommt die aktuelle Weltlage: Man tendiert dazu, sich einzuigeln, es sich zu Hause gemütlich zu machen.
Und: ist Theater nicht auch zu teuer? Der Geldbeutel ist weniger prall gefüllt als vor Pandemie und Krieg.
Zu Hause bei Netflix gibt es schließlich auch hochkarätige Angebote mit großartigen Schauspieler*innen. Man bestellt sich schönes Essen und zahlt für ein „Ticket“ für die ganze zuschauende Familie den Monats-Basistarif von 7,99 Euro. Wie mühsam ist es dagegen, sich umständlich im Freundeskreis zusammenzudoodeln, bis man den einen gemeinsamen Termin und dann auch noch ein Stück gefunden hat, das alle interessiert.
Bei den Älteren kommt die immer noch große Angst vor Ansteckung dazu. Sie haben ihre Abos gekündigt und sich den Theaterbesuch aus Gesundheitsgründen abgewöhnt.
Kurzum: das Theater gehört seit der Pandemie nicht mehr zur Grundausstattung der Freizeitgestaltung aufgeklärter Bürger*innen, sondern ist mittlerweile eher die „Kirsche auf der Torte“.
Dies zeigt auch eine Studie zur Kultur, die das Staatstheater Hannover von März bis Mai durchgeführt hat. Sie belegt den deutlichen Rückgang der Besuchsfrequenz. Kam früher jede*r Zuschauer*in auf vier bis sechs Theaterbesuche pro Jahr, sind es nun nur noch eins bis drei.
Allerdings gibt es auch Positives zu verzeichnen: In Hannover hat sich die Gesamtzuschauer*innenzahl erhöht! Und das Publikum ist diverser geworden.
Warum das so ist? Dazu gleich mehr.
Als kämpferische*r Schauspieler*in überlegt man: Was kann ich/was können wir tun, um Werbung für unsere Aufführung zu machen?
Aber da gibt es ja jemanden, den man direkt ansprechen kann: richtig! Die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit!
Die nickt erstmal bedauernd – wissend: ja, seit Corona ist nichts mehr selbstverständlich.
Heute muss man sich neben dem bekannten „Marketing-Besteck“ (Plakate, Social Media, Presse/ Rundfunk/TV, Artikel und Berichte, Rezensionen, Kulturtipps, Advertorials, Theaterzeitung, Website, Leporello) neues einfallen lassen.
Als Erstes möchte man dem Publikum entgegenkommen, indem man Frühbucherrabatte einrichtet. Viele Theaterbegeisterte haben in der Pandemie ihr Abo gekündigt und es sich seither nicht zurückgeholt. Durch frühe Buchung kann sich das Theater wenigstens eine kleine Vorschau schaffen.
Die am meisten umworbene Altersgruppe sind die 20- bis 40-Jährigen. Sie sind aber auch andererseits diejenigen, die am wenigsten Zeit und am wenigsten Geld (gerade am Karriereanfang, Familienplanung) zur Verfügung haben.
Hier steuern die Presse- und Öffentlichkeitsabteilungen gleich mehrfach gegen: Man umwirbt die jungen Leute mit Babysitterangeboten für Matineen oder Nachmittagsvorstellungen, bietet Kultur- und Studententickets mit Flatrate-Möglichkeiten.
So gibt es zum Beispiel in Kiel das Kulturticket für Studierende, die damit drei Tage vor der jeweiligen Vorstellung kostenlos ein Ticket bekommen. Die Kosten sind im Semesterbeitrag inbegriffen. Dieses Angebot soll demnächst für alle Bürger*innen erweitert werden. So ein Angebot lohnt sich für eine Stadt nur für große Institutionen wie Opern – oder Schauspielbetriebe – für ein Literaturhaus rechnet sich das natürlich nicht.
Zurück zu unserer leeren Aufführung.
Abgesehen davon, dass man als Darstellende*r immer öfter aufgefordert wird, selbst auf Social Media aktiv zu werden („mach doch ein kleines Video, wo du in deiner Figur zur Vorstellung einlädst“), gehen Aktionen, die sich in die Umgebung, die Stadt, den Landkreis bewegen, natürlich immer und bringen wohl auch am meisten.
Man geht in Schulklassen, macht Performances in Museen, überwindet seine Genanz und macht Überraschungs-Guerilla Auftritte vor einem verdutzten Kaffeehaus Publikum, trifft neugierige Besucher*innen zum „Blind Date“ mit Ungewissheit seitens des Publikums bis zum Stückbeginn, verteilt Flyer beim Stadtfest und hofft, dass zur Mittagsaufführung mit Kinderbetreuung nicht wieder nur Rentner*innen kommen (aber sie sollen bitte auch kommen!).
 Die Folge von solch persönlichem Einsatz ist allerdings, dass man sich noch mehr persönlich verantwortlich fühlt für die ausbleibende Zuschauerbegeisterung. Und so muss man dann auch lernen, loszulassen und mit Enthusiasmus für den*die berühmte*n EINS PLUS Zuschauer*in spielen (nämlich der*die eine Zuschauer*in, der*die mehr im Publikum sitzt als das Ensemble auf der Bühne an Spieler*innen zählt).
Es gibt doch noch die Feuerwehrleute! Wenn man charmant bittet, setzen die sich auch immer wieder gerne statt an den Bühnenrand in den Zuschauerraum. Und schon hat man zwei (oder vier) wohlwollende Augen mehr im Publikum! Und das ist jetzt kein Galgenhumor.

 

Katharina ABT
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gebürtige Münchnerin, absolvierte ihre Schauspielausbildung an der Westfälischen Schauspielschule in Bochum. Seither arbeitet sie an Häusern im gesamten deutschsprachigen Raum, z.B. in Bochum, Düsseldorf, München und Zürich. Seit 2011 arbeitet Katharina Abt auch als Musicaldarstellerin. 2015 erhielt sie den Theaterpreis Hamburg als beste Schauspielerin für die Rolle der Silvia in „Kaspar Häuser Meer“. Außerdem wirkt sie in zahlreichen Film- und Fernsehproduktionen mit. Sie lebt in Hamburg.