
Gänsehaut.
Gerührte Gesichter.
Standing Ovation.
Der Auftakt unserer Veranstaltung zum Thema „Altersdiskriminierung“ im Amerikahaus in München war unbeschreiblich bewegend. 21 Schauspielerinnen ab 40 Jahren kamen einzeln auf die Bühne und zitierten Sätze, die sie im Laufe ihrer Karriere gehört hatten:
„Entschuldige, aber ich kann in meiner Agentur keine Lagerware gebrauchen.“
„Wir suchen dir noch einen schönen Love Interest. Ich war 37 und er 65.“
„Sie spielen ja richtig gut, wir können aber ihr Gesicht nicht erzählen, das ergibt keinen Sinn.“
Das sind nur einige dieser absurden Zitate. Das Lachen blieb einem sprichwörtlich im Halse stecken und zu Recht wurden die Kolleginnen für ihren Mut und ihren Tatendrang, endlich etwas ändern zu wollen, mit Applaus belohnt.
Es reicht!
Besonders wir Schauspielerinnen sind nicht nur von Altersdiskriminierung betroffen, sondern auch von Sexismus, Body-Shaming, dem Gender Pay Gap und letztendlich von der drohenden Altersarmut. Es gibt Lösungen, Ideen und Maßnahmen, die der BFFS, verantwortlich durch Barbara Rohm und mich, redaktionell erarbeitet und erstmalig auf dem diesjährigen Münchner Filmfest von unserer 1. Vorsitzenden, Leslie Malton, vorgestellt wurden. In unseren Handlungsempfehlungen für Redaktionen, Jurys von Filmförderungen sowie für die Stoffentwicklung und Besetzung von Rollen sind auch Impulse von WiFT Germany eingeflossen. Hinzu kamen Best Practice Beispiele aus anderen europäischen Ländern. Wir möchten mit diesen Maßnahmen die Branche zum Umdenken bewegen und nachhaltig verändern. Denn wer hat bitteschön die Regel aufgestellt, dass die Frau ab 40 kein Liebesleben mehr haben darf, unsexy, nicht mehr „in Shape“ ist oder in einer atemberaubenden Verfolgungsjagd die Welt nicht vor dem Untergang retten kann? Ganz zu schweigen von den Rollenklischees wie der „Hippie Oma“, „der frustrierten Alten“ oder „der eiskalten Karrierefrau im dunkelblauen Kostüm“. Ach, und ich weiß nicht, ob es Drehbuchautor*innen, Redakteur*innen“ und Entscheidungsträger*innen wussten, aber auch mit 60 Jahren können wir uns noch verlieben und Sex haben. Und wir müssen auch Frauen aus derzeit marginalisierten Gruppen und ihre Erfahrungen sichtbar machen. Es wird Zeit, dass wir in Film- und Fernsehen die Lebensrealitäten von Frauen zeitgemäß darstellen. Es reicht mit diesem Nonsens einer auf dem Bildschirm und der Leinwand vorgelebten „Norm“, die das Frauenbild verzerrt.
„Frauen machen alles, sie setzen sich für jeden ein, nur nicht für sich selbst.“
Faktencheck
Ab dem Alter von 40 Jahren verschwinden Frauen vom Bildschirm und der Leinwand. Sie spielen im Film nur 32 % der Rollen bzw. 34 % im Fernsehen. Ab 50 Jahren sind es im Film 20 % bzw. 24 % im Fernsehen.* Dies steht in einem krassen Widerspruch zur realen Welt. Wenn Frauen die 40 erreichen, gewinnen sie an persönlicher und beruflicher Macht. Aber im Film und auf dem Bildschirm schrumpft ihre Sichtbarkeit. Hinzukommt, dass die meisten Medien veraltete Vorstellungen über Geschlecht und Alter normalisieren, indem sie bei Frauen ihre Schönheit und Jugend und bei Männern ihre Leistung hervorheben. (*Quelle: Prof. Dr. Elizabeth Prommer, Dr. Christine Linke, Audiovisuelle Diversität Geschlechterdarstellungen in Film und Fernsehen in Deutschland, 2017, Rostock)
30 % der Menschen in Deutschland sind Frauen 40 Plus
Mit 11,5 Millionen bzw. 14 % sind Frauen zwischen 40 bis 59 Jahren die mengenmäßig größte Bevölkerungsgruppe. Knapp 10 Millionen Frauen in Deutschland sind zwischen 60 und 79 Jahren – sie machen 12 % der Bevölkerung aus. Und 4,5 % der Bevölkerung sind Frauen im Alter von 80 Plus. (Quelle: de.statista.com)
Best Practice
Des Weiteren konnten wir auf unserem Podium drei beeindruckende Gäste begrüßen, die bereits von positiven Entwicklungen und nachhaltigen Veränderungen sprachen. Gesine Cukrowski (Schauspielerin und Initiatorin der Kampagne „Lets change the Picture“), Sasha Bühler (Director International Original Film Netflix) und Catherine Lieser (Vorstand WiFT Germany) setzen sich dafür ein, dass sich die Film- und Fernsehlandschaft in der Darstellung von Frauen entscheidend verändert.
Catherine Lieser erzählte beispielsweise von dem bereits durchgeführten Think Tank „Und bitte mehr Frauen ab 50 im Kino“, an dem sich Vertreter*innen aus den verschiedenen Gewerken der Filmbranche beteiligt hatten. An zwei virtuellen Veranstaltungen wurde in den sogenannten Queen Tables unter Beteiligung des ZDF, WDR, HessenFilm und RTL über neue Ansätze der Stoffentwicklung und Besetzung gesprochen. Diese Ansätze sind in ein Impulspapier geflossen, welches immer wieder öffentlich präsentiert und an Entscheidungsträger*innen weitergetragen wird. Dieses Jahr plant WiFT Germany einen weiteren Think Tank zum Thema: Gewaltdarstellung gegen Frauen. Laut Catherine Lieser gibt es viel zu viele Gewaltszenen gegen Frauen in Film und Fernsehen und dies sei sehr problematisch, da Medien unsere Wahrnehmung von Realität und unsere eigene Realität prägen.
Sasha Bühler musste bedauerlicherweise auf die Frage von Moderatorin Barbara Rohm, welche Geschichten ihr auf den Tisch flattern, antworten: „Leider nichts Gutes. Gute Frauenrollen sind rar“. Sie selbst bespricht sich mit den Autor*innen, mit den Produzent*innen und weist diese auf realistische Darstellungen der Frauenfiguren hin, musste aber auch zugeben, damit allein ist es nicht getan. Schon in der Ausbildung an den verschiedenen Film- und Fernsehgewerken müssten solche Thematiken miteinfließen, bzw. die Student*innen an den Filmhochschulen sollten da- für sensibilisiert werden. Sasha Bühler betonte weiter, wie wichtig es sei, dass Frauen sich zusammenschließen, den Mund aufmachen und gemeinsam für ihre Rechte kämpfen. Gerne auch mit Unterstützung der Männer. Als einzelne Frau die Stimme zu erheben, sei schwierig, die Angst sei groß, den Job zu verlieren oder hinzukomme, dass noch viel zu wenige Frauen in Entscheidungspositionen zu finden seien. Netflix möchte weiterhin als Vorbild für die Film- und Fernsehlandschaft fungieren, dies geschieht beispielsweise durch Programme für Autor*innen, um einer gut erdachten Geschichte die Aufmerksamkeit zu schenken, die sie verdient. Der Fokus liegt hierbei ganz klar auf Diversität.
Gesine Cukrowski wurde durch die Pandemie mehr in die Rolle der Zuschauerin gedrängt und musste mit Entsetzen feststellen, welche Frauenbilder im Fernsehen präsentiert werden. „Ich wurde nicht abgeholt“, so die Schauspielerin. Durch einen Artikel der Journalistin Silke Burmester (Palais F*luxx) mit dem Titel „Wir wollen mitspielen“ fühlte sie sich angesprochen und innerhalb kürzester Zeit entwickelten die beiden Frauen die Kampagne „Let`s Change the Picture“. In dieser Kampagne geht es aber nicht um „Einzelschicksale“, die in einem realitätsfernen Bild dargestellt werden, sondern um die Sichtbarkeit von ganz vielen Frauen, die unsere Lebensrealität spiegeln und damit unsere Gesellschaft nachhaltig verändern kann. Viele Redakteur*innen und Entscheidungsträger*innen haben bereits auf „Let`s Change the Picture“ reagiert und erste Gespräche mit ARD Degeto Chef, Thomas Schreiber, fanden bereits statt. Der Wille und das Interesse sei groß, gemeinsame Ziele zu stecken und durch verschiedene Handlungen, diese auch umzusetzen. Im ersten Schritt gehe es erstmal darum, das Bewusstsein zu schaffen, was mit Frauen ab einem gewissen Alter in unserer Gesellschaft passiert. Bis zum Klimakterium dürfen Frauen alles haben. Sie finden statt, haben Sex und sind aktiv. Danach haben Frauen gesellschaftlich keine Funktion mehr und werden mit „Verfall“ verbunden. Es wundert also nicht, dass Frauen ab den Wechseljahren suggestiv von der Bildfläche verschwinden.
„Frauen machen alles, sie setzen sich für jeden ein, nur nicht für sich selbst.“
Diese Worte, von Gesine Cukrowski, wurden mit tosendem Applaus im vollen Saal bekräftigt. Die überwältigende Teilnahme und der Bedarf an Gesprächen und Austausch hat gezeigt, wenn wir Frauen endlich mal an uns denken und uns gemeinsam für eine Gleichbehandlung einsetzen, können wir mehr erreichen als jemals zuvor! Wir bleiben nicht länger unsichtbar. Die Energie und Power von all diesen Frauen gaben uns nicht nur an diesem Tag recht.
Danke für eure Unterstützung, ihr tollen Frauen & Schauspielerinnen:
Chun Mei Tan, Michaela May, Jutta Speidel, Christina Nel, Petra-Fritzi Hennemann, Katrin Filzen, Anja Karmanski, Anke Sevenich, Antonia Peters, Denise M’Baye, Katharina Abt, Leslie Malton, Julia Heinze, Imme Beccard, Nicole Unger, Stefanie von Poser, Sophie von Kessel, Veronika Nowag-Jones, Daniela Kiefer und Ute Bronder.
Wer unsere Veranstaltung „Invisible Woman“ verpasst hat, kann diese auf unserem BFFS YouTube-Kanal unter dem Button LIVE nachschauen.

Simone Wagner
ist Mama, Schauspielerin, im Vorstand des BFFS und Familienmanagerin.
Sie lebt mit Mann und Maus im frisch renovierten Einfamilienhaus mit Garten am bayerischen Untermain. Leni geht in die Wolkengruppe, möchte unbedingt ein Pferd im Garten namens Jenny und wünscht sich nichts mehr, als mal eine echte Sternschnuppe zu sehen.