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Juni 2021. Yeah, Jackpot! Ich bekomme eine Zweitagesrolle in einem amerikanischen Actionfilm, und das im zarten Alter von fünfundsiebzig. E-Casting und Zoom-Call machen es möglich. Allerdings bekomme ich nur meine Szenen zu lesen. Geheimhaltung geht in diesem Fall über Dreh buchkenntnis. Selbst im Vertrag steht nur ein Fake-Titel, zudem muss ich eine Verschwiegenheitser klärung unterschreiben. Die Fans von Keanu Reeves sollen nicht erfahren, was, wann, wo gedreht wird.

Ich aber soll mir die früheren Folgen des Blockbusters ansehen, damit ich weiß, auf was ich mich einlasse. Der Bildwert ist fantastisch. Gut, es wird ein bisschen viel geballert für meinen Geschmack, aber
die Gewalt ist kein Selbstzweck. Keanu Reeves ist ein tragischer Held, dem nichts anderes übrig bleibt, als sich gegen die Bösen zu verteidigen. Und zwischen den Actionszenen gibt es Zeit für Blicke, für ruhige Dialoge, für Comic Relief.

In diese Kategorie gehört wohl, was ich spielen soll: eine weißhaarige Tierpräparatorin, die unter der

Hand mit Waffen dealt. Die Szene ist tricky: Während ich mit John Wick verhandele, soll ich einen

„Glock“-Revolver auseinandernehmen und wieder zusammenbauen, so als hätte ich meinen Lebtag nichts anderes getan. Dafür bekomme ich vor Drehbeginn fünf Tage Waffentraining. Das macht Spaß. Die amerikanische Lob-Kultur spornt mich an. Selbst unvollkommene erste Versuche werden mit „awesome – you are doing so well“ belohnt. Hinter mir proben die Martial Arts Spezialisten für die Kämpfe. Ich bin fasziniert. Was im fertigen Film blitzschnell abläuft, wird hier sorgfältig und in Zeitlupe angelegt.

Das macht Spaß. Die amerikanische Lob-Kultur spornt mich an. Selbst unvolkommene erste Versuche werden mit „awesome – you are doing so well“ belohnt.

Dann wird es ernst: Dreh in Clärchens Ballhaus bei 34 Grad Hitze und eingenebelten Grizzlybären. Das Team arbeitet hoch arbeitsteilig. Wer für die Haare zuständig ist, darf die Haut nicht anfassen, und umgekehrt. Deshalb umschwirren mich zwei Maskenbildner*innen und legen mich zwischen den Einstellungen trocken. Für Sprechrollen gibt es Licht-Doubles. So darf ich während der ausgeklügelten Lichtproben in einen kühleren Raum ausweichen. Sobald ich geholt werde, heißt es rolling – action.

Der Dreh verläuft uhrwerksmäßig, leise und präzise. Der Regisseur war früher Stuntkoordinator. Seine schauspielerischen Anweisungen sind eher spärlich. Für mich geht es darum, Positionen ein- zuhalten, die Waffe zu bedienen und dabei den Text unfallfrei abzuliefern. „You are doing great”, sagt eine Dame im Vorübergehen. Später erfahre ich, es war die Produzentin.

Am nächsten Tag ein Nachtdreh. Scheinwerfer tauchen die Unterführung in eine Farbigkeit, die sie ins Märchenhafte überhöht. Drehschluss ist um vier Uhr morgens.

März 2023. Endlich der durch Corona um ein Jahr verschobene Kinostart. Begleitet von Freund*innen gehe ich ins Kino. Die Bilder sind gigantisch. Der Sound ist überwältigend. Das satte Tiefenvibrato der Synchronstimme von Keanu Reeves unterstreicht die Bedeutsamkeit seiner wenigen Worte. Die Settings sind spektakulär und die Actionszenen sind ebenso durchchoreografiert wie der Realität enthoben. Der Held hat eindeutig mehr Leben als die sprichwörtlichen sieben einer Katze. Es gibt mehr Verfolger*innen, mehr Brutalität, mehr Autos und mehr Tote als in der Folge, die ich gesehen habe. Anscheinend müssen die Reize von Folge zu Folge gesteigert werden. Manchmal ist es so laut, dass ich mir die Finger in die Ohren stecke.

Aber von der Sequenz in einem Berliner Club bin ich begeistert. Da wird inmitten der Feiernden gekämpft und gekillt. Die Tanzenden ignorieren es oder gehen gerade mal einen Meter beiseite. Was für ein Statement zu unserer Zeit!

Und als der tragische Held einsam im Morgenlicht auf der Treppe von Sacré Coeur liegt, da dämmert es mir: Meine Rolle wurde herausgeschnitten!

Als sich die Handlung von Berlin nach Paris verlagert, fällt mir auf, dass meine Szenen noch nicht vorgekommen sind. Und als der tragische Held einsam im Morgenlicht auf der Treppe von Sacré Coeur liegt, da dämmert es mir: Meine Rolle wurde herausgeschnitten!

Klar. Der Film dauert auch ohne mich schon fast drei Stunden. Außerdem spielt es nie eine Rolle, woher der Held seinen Nachschub an Waffen und Munition erhält. Sie sind einfach da. Da ist kein Platz für eine Waffenhändlerin, die herumknausert, und John Wick nur die Revolver gibt, die er bezahlen kann.

„Kill your darlings” heißt ein alter Filmspruch. Ob meine Szenen mit dem Star, die im Schneideraum unter den Tisch gefallen sind, tatsächlich ein Darling waren, werde ich nie erfahren.

DOROTHEA NEUKIRCHEN