
Ungefähr zwei Prozent der Schauspieler*innen können von ihrem Beruf leben, sagt die ZAV. Die große Mehrheit von 98 Prozent stellt sich die Frage, wie sie ein Leben für die Kunst überhaupt ermöglichen können. Mache ich Kunst für den Kommerz und mein Konto oder nehme ich moralische Ansprüche, mich nicht für die Fassade zu verkaufen, in Kauf und sage dem Kommerz adé?
Die Konkurrenz geht aber noch weiter und ist vielfältig. Denn sowohl Kunst- und Theater-Institutionen, die Film und Fernsehindustrie und nicht zuletzt die Künstler*innen selbst, graben sich gegenseitig das Wasser ab. Die Theater lassen ihre fest engagierten Künstler*innen fast nie in anderen Bereichen unserer Branche arbeiten. Es herrscht immer noch das Regiment Theater. Viele Filmemacher*innen setzen eine professionelle Schauspielausbildung oder -erfahrung nicht für einen Dreh voraus und Schauspieler*innen profilieren sich in neidischen Befindlichkeiten zueinander, anstatt sich gegenseitig zu unterstützen.
Es gibt den Kompromiss, arbeite ich am Theater und kann den Beruf als Schauspieler*in vor der Kamera vergessen oder stelle ich mich der Konkurrenz in einem eCasting um Drehtage zu kämpen und in einem Markt gesehen zu werden, der Schauspiel als handwerklichen Beruf immer weniger anerkennt. Follower Follower Follower. Wer kein moderner Jesus ist und keine 5-10K am Start hat, kann seinen Beruf bald ans Kreuz hängen. Während die Kolleg*innen mit genügend Follower*innen einen Kompromiss dankbar annehmen und kostenlos ihre Projekte bewerben, anstatt daraus einen Kommerz zu machen. Kostenlose Werbung, dafür dass ich arbeiten durfte und mehr. Menschen, die meinem Profil den Daumen hoch geben. Ein digital range deal, oberflächliches Abziehbildchen, anstatt wirkliche Beschäftigung mit dem Künstler*innen-Mensch, die Panik bekommen, wenn zwei Wochen das Telefon still steht.
In der Herstellung von Kunst wenden sich im Übrigen immer mehr Menschen ab und das nicht unbedingt im Schauspiel, sondern in den anderen Gewerken. Auch dort herrscht ein Regiment von Redakteur*innen und Produzent*innen. Die Konkurrenz beschädigt uns alle und so wie wir Filme und Serien konsumieren, werden sie mittlerweile auch hergestellt. Diesen Kompromiss werden auf Zeit nicht alle mitmachen, geschweige denn dabei gesund bleiben. Ein Kinofilm, der insgesamt neun Jahre Entstehungszeit gebraucht hat, läuft zwei Wochen in den Kinos, eine Serie, die in knapp 35 Drehtagen runtergeballert wurde, wird in einer Nacht des Binge Watching durchgesuchtet und unser so allseits geliebter Tatort reduziert fröhlich munter die Drehtage, früher mit Prämien für Regisseur*innen, die am wenigsten Tage brauchten, heute fehlt auch diese Prämie bereits. Alles ist durch Kompromisse noch erklär- und umsetzbar, die Qualität leidet trotzdem und niemand hat am Ende mehr Zeit für Kunst. Absolutes Positiv-Beispiel ist ein Film wie Youth Topia. Alle haben das Gleiche verdient und auf Augenhöhe gearbeitet.