
Eine Theaterschaffende hat morgens unter der Dusche plötzlich eine Idee für ein neu- es Projekt. Sie weiß auch schon einen Titel. Sie springt aus der Dusche, macht das Laptop auf, geht auf eine bestimmte Website, trägt ihr Projekt dort ein, es bekommt mit der Registrierung automatisch eine Zahl zugeordnet – einen „Unique Identifier”, ähnlich der ISBN bei Büchern oder einem Nummernschild bei Autos. Die Kollegin ist stolz. Das ist MEINE Theaterproduktion, freut sie sich – unverwechselbar, für immer. Ein Stück Theatergeschichte, das nicht mehr verloren geht.
Nun braucht sie sich nur noch darum zu kümmern, ihr Projekt zu realisieren. Für alles andere laufen die Fäden auf besagter Website zusammen: Veranstaltungsorte, Ticketing-Portale, jedes Me- dien-Organ, das darüber berichtet – sie alle fügen einfach diesen Unique Identifier hinzu und PUFF! erscheinen dort Links zu Spielterminen, Besetzungslisten, Vorverkaufsstellen, Pressespiegel, Aufführungsfotos und -videos usw. Und umgekehrt natürlich auch. Jede*r Mitwirkende kann diese Produktion auf der eigenen Homepage und anderen Seiten einbinden, ohne immer alles neu tippen zu müssen. Kein Copy-and-Paste-Arm mehr, kein Pressespiegelzusammenklauben, kein fitzeliges Uploaden von Fotos, Videos, Audios.
Ganz normal, dieses Prozedere – zumindest in dem oben fabulierten Szenario. Denn hier nutzt jeder Theatermensch und -interessierte diese Website ganz selbstverständlich für alles: Forschung, Recherche, Vertrieb, Werbung usw. Es ist DIE Theater-Inszenierungsdatenbank für den deutschsprachigen Raum. Hunderttausende Inszenierungen sind dort verzeichnet – und sie wächst mit jeder neuen Produktion, die dort eingetragen wird. Eine Historie des Theaters über die Jahrhunderte hinweg. Ein Stück immaterielles Kulturerbe.
Klingt pathetisch? Vielleicht. Wäre aber schon ganz geil, oder?
Dass dieses Szenario Wirklichkeit werden kann, daran arbeiten wir von Theapolis derzeit mit Hochdruck.
Was soll ich sagen: Dass dieses Szenario Wirklichkeit werden kann, daran arbeiten wir von Theapolis derzeit mit Hochdruck, gefördert von Neustart Kultur und mit Unterstützung von bislang rund 40 wichtigen Organisationen und Verbänden aus dem deutschsprachigen Raum.
Eine Theater-Inszenierungsdatenbank für alle soll entstehen – aufgebaut nach FAIR-Prinzipien (Findeable, Accessible, Interoperable, Reusable, dt.: auffindbar, zugänglich, interoperabel und wieder- verwendbar). Klar gibt es schon jetzt viele kleine Initiativen in dieser Richtung, kleine „Daten-Silos”, die nur bestimmten Usergruppen zugänglich sind – aber etwas Umfassendes, Systematisiertes, für alle Zugängliches für den gesamten deutschsprachigen Raum gibt es in der Darstellenden Kunst noch nicht. In der Bildenden übrigens schon längst.
Wie kann das sein? fragt man sich unwillkürlich. Das World Wide Web gibt es seit gut 30 Jahren, schon vor 60 Jahren sehnte Miss Marple in „Vier Frauen und ein Mord” ein Theater-Recherche-Archiv herbei – ja, wie deutlich muss man denn bitte noch werden!? Spaß beiseite: Wie ist es möglich, dass ausgerechnet in unserer Branche, die sich selbst gern als so beweglich, offen und aufgeschlossen feiert, manchmal eine solche Innovationsverdrossenheit herrscht? Wieso machen wir uns das Leben so schwer? Noch muss man das Internet kaputt googeln, um herauszufinden, wer wann was wo spielt und wer das wie bewertet hat. Forschende wühlen sich mühsam durch Uni-Bibliotheken, um zu recherchieren, wie „Albee” in den 50er-Jahren inszeniert wurde und wie in den 80ern. Ein systematisiertes Theater-Archiv sucht man auch im Printbereich vergeblich.

Das ist uns alles zu kompliziert und zu aufwändig. Wir wollen uns nicht mehr dumm und dusselig tippen, wir wollen mehr Zeit für die Kunst haben! Außerdem soll Theater sichtbarer, nachvollziehbarer werden – und lebendig bleiben. Diese Art von Erinnerungsarchiven sind ein Quell der Inspiration. Man kann aus solchen Datenbanken unglaublich viel lernen, auch für neue Produktionen. Und überhaupt: alles, was damit zu tun hat, über Inszenierungen zu forschen, zu reden, zu denken, zu lesen und Geschichten darüber zu erzählen, tut dem Theater gut. Und deswegen sollte man es machen. Wir haben auf Theapolis bereits jetzt die umfassendste zeitgenössische, frei zugängliche Theater-Inszenierungsdatenbank, die es gibt. Diesen Hut und unsere jahrelange Expertise werfen wir mit in den Ring. Und bauen gemeinsam mit anderen darauf auf. Und dann wird geteilt, was das Zeug hält!
Wie das überhaupt funktionieren soll? Etwa so, wie wenn man ein Hotel oder einen Flug bucht.
Man kann aus solchen Datenbanken unglaublich viel lernen, auch für neue Produktionen.
In diesem Fall bedeutet Sharing auch langfristig much more Zeit, die man mit sinnvolleren Dingen verbringen kann.
Für uns ist es heutzutage völlig normal, dass wir auf verschiedenen Buchungsportalen ganz bequem eine Unterkunft finden, ein Datum eingeben und in Sekundenschnelle erfahren, ob diese zum angefragten Datum noch frei ist. Wir buchen die Unterkunft über dieses Portal und sofort weiß wiederum das Hotel: Aha, Zimmer belegt! Auch diese Datenbanken basieren auf FAIR-Prinzipien. Sie interagieren miteinander.
Bis zur technischen Umsetzung gibt es noch einiges zu klären, etwa eine einheitliche Sprachregelung, bestimmte Normdaten, damit diese Interaktion funktionieren kann. Es gibt schon jetzt sehr viele Akteur*innen, die bei unserem Projekt mit dabei sind und es sehr ernst nehmen. Und das liegt wahrscheinlich daran, dass wir es auf Teilhabe aufgebaut haben: Alle, die Lust haben, mitzureden, mitzugestalten, können das auch tun. Da- rum laden wir regelmäßig zu Beteiligungsforen ein. Wir sagen: Wie sollen wir es machen? Und die Mitwirkenden teilen ihre Wünsche, Bedürfnisse, Anwendungsszenarien mit, die wir entsprechend sammeln und berücksichtigen. Das macht nicht nur Spaß, sondern bringt auch für alle nur Vorteile.
In ein paar Jahren werden wir uns dann hoffentlich alle fragen: Warum nicht gleich so? Es war so naheliegend. Was sollte der Geiz? Sharing is caring, aber nicht nur das: In diesem Fall bedeutet Sharing auch langfristig much more Zeit, die man mit sinnvolleren Dingen verbringen kann, als dumpf immer wieder Daten einzutippen. Zum Beispiel tolles Theater machen. Oder auch einfach nur morgens ein bisschen länger unter der Dusche stehen.
Sie haben Fragen? Oder Lust, mitzugestalten? Schreiben Sie uns gerne an info@theapolis.de

Karen Suender
ist Schauspielerin und lebt mit Kind und Katzen in Berlin-Schöneberg. Seit der Geburt ihres Sohnes ist sie schwerpunktmäßig als Sprecherin und Rezitatorin tätig. Außerdem zeichnet sie verantwortlich für den jährlich erscheinenden Theapolis-KIBA, den Künstlerischen Initiativ- Bewerbungs-Almanach für Schauspieler*innen und Sänger*innen. Mehr unter http://www.thrapolis.de/ karensuender