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Digital steht so oft für Zukunft, für Fortschritt, für Visionen, für Schnelligkeit und vieles mehr. Digitalität = attraktiv, elegant, clever … Analog klingt da wie die verstaubte traditionelle Variante, der das alles fehlt und die für Romantiker*innen der Zeitgeschichte übrig geblieben ist. Die alte Kamera, mit der es Liebhaber*innen gelingt, ein paar Schnappschüsse zu machen und die im Anschluss sagen könnten: „Die Fotos sehen immer toll aus, aber es braucht halt seine Zeit.“
Als Kinder ahmen wir alles nach, was wir sehen, oft mit den Händen. Es gibt Gesten, die sind unmissverständlich im Kontext zu dem, was wir sagen. Ein Regisseur sagte einmal zu mir in Bezug auf einen Monolog, den ich spielte: „Du musst uns an dieser Stelle mit den Händen tatsächlich zeigen, wovon du sprichst, sonst verstehen wir nichts.“
Wir brauchen die Hände, um zu fühlen, berühren zu können und als Ausdruck in der Welt. 93 Prozent der Kommunikation sind nonverbaler Natur. Wir loben jemanden für seinen grünen Daumen. Alain Passard, ein Künstler in der Küche und 3-Sterne-Koch, spricht in Chef’s Table davon, dass er die Gestik der Hand liebt, vielleicht mehr als seinen Geschmackssinn, und dass die Hand etwas so lange lernen muss, bis sie es wirklich ausführen kann und in dem, was sie tut, elegant wird.
Jemand, der sein Handwerk beherrscht, wird in aller Regel bewundert. Denn durch die Zeit, die diese Person damit verbracht hat, die Dinge zu ihrem Handwerk zu machen, verschafft sie sich und ihrem Umfeld Respekt und Vertrauen.
Respekt, weil diese Person weiß, was sie tut, sie kennt, was sie anfasst. Vertrauen, weil sie genau weiß, was sie damit tut und die Konzentration voll auf etwas lenken kann, in dem sie sich auskennt. Niemand fühlt sich in der Unwissenheit sicher.
Das Handy nimmt uns viele dieser Aufgaben ab und nimmt damit vermeintlich eine Abkürzung. Wir sind also schneller. Meine Vermutung ist, dass die Unwissenheit dadurch größer wird und damit die Unsicherheit. Wir wissen nicht mehr, was wir anfassen und auch nicht wie, weil wir es nicht geübt, gelernt und ausprobiert haben. Ein Smartphone-Bildschirm fühlt sich bis auf die Temperaturunterschiede immer gleich an – Kochrezept, Porno, Wissensmagazin, Instagram, Lieblingsserie, alles gleich für die Berührung. Und obwohl wir denken, wir wären schneller und futuristisch, sind wir in Wahrheit sinnlich stehengeblieben, denn wir benutzen unsere Hände nicht mehr dafür, wofür sie gemacht sind. Wir lassen ihre Fähigkeiten verkümmern, indem wir gar nicht herausfinden, was die eigene Hand zu leisten imstande ist, wenn wir sie ließen, weil die Lust zum Ausprobieren und die Geduld zum Üben fehlt.
Prince sagte 1999 einmal: „Don’t be fooled by the internet. It’s cool to get on the computer, but don’t let the computer get on you. It’s cool to use the computer, but don’t let the computer use you. There is a war going on. The battlefield is in the mind and the prize is the soul.”

PAUL MAXIMILIAN PIRA
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