Seite wählen

Aber was um Himmels willen lief denn bloß in der Vergangenheit so lange schief? Warum konnte unsere Mindestgage im Bühnenbereich in die letzten Jahrzehnte so gar nicht Schritt halten mit der allgemeinen Verdienstentwicklung? Wer stand uns im Wege? Immer an die eigene Nase fassen!
Ich habe vor knapp 40 Jahren am Theater an- gefangen. Meine „Anfängergage“ war durch den NV Solo tariflich geschützt, aber nicht üppig, viel geringer als das Einkommen meiner damaligen Freundin, jetzt Frau, die in der Wirtschaft arbeitete und mich finanziell über Wasser hielt. Immerhin hatte ich die begründete Aussicht, nach meinen zwei Anfängerjahren am Theater in einen Fachvertrag zu wechseln (jugendlicher Charakterkomiker). Damit wurde ich natürlich um einiges respektabler honoriert. Gewerkschaftlich war ich kaum unterwegs, so etwas fand ich damals eher spießig. Vielmehr rackerte ich mich persönlich ab, meine Gage von Spielzeit zu Spielzeit etwas nach oben zu korrigieren. Dabei half mir, dass ich mich mit Verweis auf meine inzwischen gewonnene Berufserfahrung immer mehr von der normierten Anfängergage des NV Solo nach oben absetzen konnte.

Gewerkschaftlich war ich
kaum unterwegs, so etwas fand ich damals eher spießig.

Ab Anfang der 90er-Jahre verlor ich die gewerkschaftlichen Entwicklungen vollends aus den Augen. Ich tobte mich jetzt „frei“ aus, das heißt, ich arbeitete mal als Gast an Theatern, meistens bei unzähligen Film- und Fernsehproduktionen und manchmal in Synchronstudios. Da griff sowieso kein Tarifvertrag. Dass die tarifliche Anfängergage am Theater, die sich auf die ersten beiden Anfängerspielzeiten beschränkte, im Jahre 1991 schließlich zur allgemeinen Mindestgage ohne Rücksicht auf Berufserfahrung und Alter mutierte und auf diese Weise unserem Berufsstand erschwerte, unsere Gagen allmählich hoch zu verhandeln – hatte ich alles nicht mitgekriegt.

Alles drohte für uns abzustürzen: unsere Situation an den Theatern, bei Film und Fernsehen und nun noch der soziale Schutz.

In den 90er-Jahren herrschte beim Drehen Goldgräberstimmung. Die Privatsender ließen ihre Muskeln spielen und köderten uns Schauspieler*innen mit immer höheren Gagen. ARD und ZDF zogen nach – im Rahmen ihrer Anstaltsmöglichkeiten. Kein Grund, sich zu schämen, dachte ich mir und empfand den Geldregen beim Drehen als nachträgliche Entschädigung für die vielen schlecht bezahlten Strapazen-Jahre zuvor fest am Theater. Dort hatten meine Kolleg*innen immer weniger zu lachen. Ihre Gagen je Monat blieben kleben und rangierten inzwischen ungefähr auf dem Niveau meiner Gage je Drehtag. Überall schmolzen die Ensembles dahin, wie auf den Bergen die Gletscher. Ich hatte kein Heimweh zurück fest ans Theater.
Mit der Jahrtausendwende wurde auch in der Drehbranche die Luft für uns dünner. Die Sender mussten sparen. Auch die Privaten waren langsam verkatert, beendeten die Party und fingen an zu knausern. Sie hatten ohnehin von Anfang keine Wiederholungsgagen an uns gezahlt, die bis dahin bei ARD und ZDF Standard waren. Nun bröckelte die Wiederholungsgagen-Moral auch bei den Öffentlich-Rechtlichen. Die Sendeanstalten traten sowieso immer seltener als direkte Arbeitgeber auf, sondern beauftragten zunehmend Produktionsfirmen mit der Herstellung fiktionalen Programms. Damit liefen die Haustarifverträge der Landesrundfunkanstalten für uns ins Leere und unsere ARD-Wiederholungsgagen waren recht schnell tot. Auf dem Mainzer Lerchenberg starben (und sterben) unsere ZDF-Wiederholungsgagen schleichender, aber unaufhaltsam. Die Mainzelmännchen klammern seit Jahren Schritt für Schritt einen Bereich nach dem anderen aus dem Geltungsbereich zur Zahlung von Wiederholungsgagen aus, bis am Ende nichts mehr übrigbleiben wird.
Schon in den 90er-Jahren hatten Daily-Soaps das Fernsehen erobert. Nun folgten Scripted-Reality-Formate. Diese Programme stellten auch unsere Produktionsbedingungen und Gagen infrage. Die Drehtage wurden lang und länger, unsere Drehtagsgagen schmal und schmäler und sollten – so war der Plan – auf drei bis vierhundert Euro je Drehtag gedrückt werden. Aber noch immer fassten wir uns nicht an die eigene Nase.
Doch dann, spätestens im Jahre 2005, schlugen die Schröderschen Hartz-Reformen zu. Voll auf die zwölf. Die Arbeitslosenhilfe, mit der wir „Freien“ uns in den Lücken zwischen unseren Engagements not- falls über Wasser halten konnten, wurde ganz abgeschafft. Die Anspruchsvoraussetzung für das normale Arbeitslosengeld 1 wurde so heraufgesetzt – 360 Beschäftigungstage in nur noch 2 Jahren –, dass wir sie mit unseren kurzen Engagements unmöglich erfüllen konnten. Alles drohte für uns abzustürzen: unsere Situation an den Theatern, bei Film und Fernsehen und nun noch der soziale Schutz.
Erst jetzt fassten wir Schauspieler*innen uns an die Nase – an die blutige. Was um Himmels Willen hat uns Schauspieler*innen in der Vergangenheit nur so lange abgehalten, gemeinsam unsere wirtschaftlichen und sozialen Anliegen zu verfolgen? Warum hatten wir in Deutschland noch nie unsere eigene Gewerkschaft, wie alle anderen Berufstätigen auch?
Im Jahre 2006 endlich schlossen wir uns zum IVS („InteressenVerband der Synchronschauspieler“) und zum BFFS (erst „Bundesverband der Film- und Fernsehschauspieler“, dann „Bundesverband Schauspiel“) zusammen. Beide Schauspielverbände arbeiteten von Anfang an eng zusammen und verschmolzen im Jahre 2018 zum „Bundesverband Schauspiel (BFFS)“.

Als wir uns gründeten, befanden wir uns in einer kollektivvertraglichen Wüste.

Als wir uns gründeten, befanden wir uns in einer kollektivvertraglichen Wüste. Nirgendwo existierten Tarifverträge, Gemeinsame Vergütungsregeln oder andere Verträge, die uns wirtschaftlich oder sozial hätten absichern können. Die GDBA, die 1871 gegründete „Genossenschaft deutscher Bühnenangehöriger“, hatte zwar schon vor knapp 100 Jahren (01.05.1924) einen Tarifvertrag für Bühnenkünstler*innen, den NV Solo geschaffen. Aber, wie gesagt, das gewerkschaftliche Engagement von uns Schauspieler*innen erschlaffte im Laufe der Geschichte. Und so bot der NV Solo, später der NV Bühne gerade unsereins immer weniger wirtschaftlichen oder sozialen Schutz. Denn keine Gewerkschaft der Welt kann sich erfolgreich starkmachen für Berufsgruppen, die sich nicht in ihr organisieren. So auch beim TV FFS, dem „Tarifvertrag für auf Produktionsdauer beschäftigte Film- und Fernsehschaffende“. Er wurde samt einer Gagentabelle mit Mindestgagen fürs Team von der Gewerkschaft ver.di verhandelt. Doch wir Schauspieler*innen standen daneben und profitierten kaum davon. Unsere Gagen waren damals nach unten gar nicht abgesichert.

Denn keine Gewerkschaft der Welt kann sich erfolgreich stark machen für Berufsgruppen, die sich nicht in ihr organisieren.

Aber nun wuchs unser Schauspielverband – unaufhaltsam. Nach einer Anlaufphase von vier Jahren, am 13.07.2010, saßen wir erstmals als eigenständige Schauspielgewerkschaft neben ver.di am Verhandlungstisch und vertrauten unseren eigenen Nasen. Im Laufe der folgenden zwölf Jahre verhalfen wir insgesamt 14 Kollektivverträgen zum Durchbruch – für den Film-Fernseh-, den Synchronundrezschließlich für den Theaterbereich (siehe BFFS-Kollektivverträge). Das jüngste Kunststück gelang uns gemeinsam mit den anderen Künstlergewerkschaften, der GDBA, in der wir Schauspieler*innen nun auch wieder stärker vertreten sind, und der VdO („Vereinigung deutscher Opern- und Tanzensembles“): Die Gagenuntergrenze für Solo-Künstler*innen im NV Bühne wird in einem Jahr so viel wie bzw. sogar mehr ansteigen als in den letzten 31 Jahren, in denen sie von 1.227,10 Euro im Jahre 1991 nur auf 2.000 Euro im Jahre 2022 hochgekrochen ist. Nun springt sie ab September 2022 auf 2.550 Euro, ab Januar 2023 auf 2.715 Euro und ab September 2023 für alle, die ihren beiden Anfängerjahren entwachsen sind, auf mindestens 2.915 Euro.

Wer sich da von uns BFFSlern verwundert die Augen reibt – darf sich auch stolz an die eigene Nase fassen.

Wer sich da von uns BFFSlern verwundert die Augen reibt – darf sich auch stolz an die eigene Nase fassen.

Alle BFFS-Kollektivverträge für Schauspieler*innen finden Sie unter bit.ly/KollektivverträgeBFFS

HEINRICH SCHAFMEISTER
+ posts

1957 im Ruhrgebiet geboren, wusste, was er nicht werden wollte: Jurist (wie sein Vater), Lehrer, Friseur, Schauspieler, Vereinsmitglied. Er liebte Mathe und Musik. Doch es kam anders: Die Musik führte ihn zum Schauspielberuf. So ging er ans Theater, vor die Kamera, vors Mikrofon und schließlich in den BFFS – von Anfang an im Vorstand als Schatzmeister und zuständig für Sozialpolitik wie für Tarifverhandlungen. Er würde eine Rolle als Friseur jetzt nicht mehr ausschließen.