Seite wählen

Es ist traurig, aber wahr: In bestimmte „Schubladen“ kommt man schnell hinein, aber nur schwer wieder heraus. Und man legt sich ja nicht selber hinein, sondern wird von anderen dorthin befördert. Hat man beispielsweise sichtbar kein Auto, wird häufig automatisch vermutet, dass man auch keinen Führerschein hat (Schublade 1). Fährt man mit Bus & Bahn plus Fahrrad zur Arbeit, ist man schon ziemlich öko (Schublade 2).* Äußert man – absichtlich oder unabsichtlich – die Ansicht, dass fossil betankte Fahrzeuge ein Fluch und E-Autos alles andere als die Rettung sind, steht die nächste Schublade bereit: die für verbiesterte Fortschrittsgegner*innen. Aber wird man ein anderes Mal gefragt: „Soll ich Dich ein Stück im Auto mitnehmen?“, antwortet, „Danke, sehr gern!“ und wird dann beim Einsteigen gesichtet, ist man als inkonsequent und unglaubwürdig ertappt.
Aber: Ist es denn verboten, in einem Auto zu fahren, auch wenn man selber keines besitzen möchte? Zum Beispiel, um ganz persönlich die Umwelt ein klitzekleines bisschen zu schonen? Ist die Kritik an den Auswüchsen des smarten Telefonierens (von unnötigen Apps über den Energieverbrauch bis zu den tausenden gespeicherten Food-Fotos und Nachrichten) nur gestattet, wenn man sein Essen auf dem offenen Feuer vor der unbeheizten Wohnhöhle zubereitet und jeglichem technischen Fortschritt abschwört? Wer keine ALEXA auf dem Frühstückstisch hat und keine smarte Uhr am Handgelenk trägt, ist also nicht berechtigt, mitzureden und schon gar nicht, auch offenkundig Sinnloses zu kritisieren? Und wie kommt man raus aus diesem Dilemma? Eine besonders gelungene Tarnung für technologisches Gesundschrumpfen ist es, so zu tun, als hätte

Stefan Krause
+ posts

Synchronisiert schon seit analogen Zeiten in Hamburg, München und (hauptsächlich) Berlin. Er ist seit Anbeginn Mitglied des IVS und der Gewerkschaft ver.di, seit 2007 in der Redaktion der UNSYNCBAR und seit 2019 in der SCHAUSPIEGEL-Redaktion.
Er lebt, liest und arbeitet autolos & mobil in Berlin-Kreuzberg.