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Was sind Sie für ein Typ? Eher analog oder doch mehr digital?
Ich bin so ein Zwitter … nicht ganz analog, aber auch nicht voll digital. Es fängt zum Beispiel bei meinem Filofax an – weiß man überhaupt noch, was das ist? Unter google/Wikipedia steht:
Filofax ist eine Marke für Zeitplan-Ringbücher; als eingetragenes Warenzeichen wird Filofax im englisch- sprachigen Raum auch als generische Bezeichnung für derartige Systemplaner genutzt.
Auweia! „Zeitplan-Ringbücher“ – ok, das klingt echt altbacken …
Aber, ich liebe es, wenn ich diesen Kalender mit einem Handschlag aufklappe und die ganze Woche im Überblick habe. Und, wenn ich einen Stift zur Hand habe, der auch schreibt, alles ein- tragen kann, was ich an Terminnotizen so benötige, um den Überblick zu behalten. Ich nutze zwar auch Onlinekalender – gerade auch vermehrt bei Synchronanfragen – aber handschriftlich etwas einzutragen, gibt mir einfach ein gutes Gefühl. Vor allem aber mache ich diesen Vorgang ganz bewusst und nehme mir dafür einen Augenblick Zeit. Diese Zeit verfliegt mir digital immer zu schnell, und ich verliere mich in dieser digitalen Welt auch gern.

Termine, die ich mir mit der Hand aufschreibe, habe ich immer im Kopf.

Sicherlich spart man auch Zeit, gerade bei den Onlinekalendern, aber tatsächlich ist es mir auch schon vorgekommen, dass mir ein Termin durchgerutscht ist, da ich diesen irgendwann spät abends bekam, dann nicht mehr in den Kalender online schaute und somit davon ausging, ich hätte frei. Das liegt natürlich in erster Linie an mir und meinen Arbeitsabläufen! Aber die Termine, die ich mir mit der Hand aufschreibe, habe ich immer im Kopf. Hier muss ich aber sicherlich nacharbeiten.
Dennoch erlebe ich, dass auch viele Kolleg*innen nur noch digital unterwegs sind und irgendwie immer seltener im Hier und Jetzt. Während Corona zum Beispiel spielten wir Theater – real auf der Theaterbühne, aber ohne Zuschauer*innen, nur vor Kameras – hier mussten wir genau darauf achten, ab wann wir bei unseren Aufund Abgängen im Bild waren und wann nicht mehr – das hatte nun tatsächlich mehr etwas von einem Drehtag am Set, als von Theaterspielen. Anfangs fand ich das eine mega Idee, aber mir fehlte mehr und mehr die Reaktion des Publikums. Letztendlich kam ich für mich zum Schluss, dass solche digitalen Theatervorstellungen sicherlich machbar sind, aber um nichts in der Welt den Live-Charakter ersetzen.

Bei E-Castings bin ich mir nicht sicher, ob ich diese mag oder nicht! Ich meine, es gibt Caster*innen, die ihren Beruf sicherlich so gern ausüben, wie wir Schauspieler*innen. Und so ein Live-Casting hat doch auch immer etwas Aufregendes und der Austausch findet persönlich statt – man kann so viel voneinander abnehmen und direkt reagieren. Natürlich ist man der möglichen Kritik der jeweiligen Caster*in unverzüglich ausgesetzt, aber das hat ja auch was … Beim E-Casting bin ich meist an einem mir bekannten, „sicheren“ Ort, umgeben von, wenn überhaupt, vertrauten Menschen – das gibt auch ein gutes Gefühl und ich bin immer sehr gelöst und frei bei meinen E-Castings – der Nachteil ist aber, dass mir hier der Austausch fehlt und ich gern auf die Anweisungen reagieren würde. Aber auf der an- deren Seite bekommen hier die Caster*innen eine Vielzahl von möglichen Kandidat*innen und können für sich den besten Typ auswählen.
Was ich sehr gern nutze und damit auch schon wirklich gute Gespräche geführt habe, sind die sogenannte Internettelefonien, wie Zoom etc. Das finde ich sehr spannend und wirklich gut. Es verbindet Menschen, egal wann und wo, und man hat einen sehr persönlichen Austausch – sicherlich müsste in dem Zusammenhang generell mal das Internet in Deutschland generalüberholt werden, wir sind hier doch noch sehr rückständig, als eines der führenden Industrieländer der Welt eigentlich nicht zu fassen – aber leider Realität. Dennoch bin ich sehr gespannt, was da alles noch auf uns zukommen wird.

Angst habe ich nicht, dennoch bin ich wachsam und will mir meine „kleine analoge Welt“ hier und da noch bewahren. Und trotzdem nicht alles Digitale aufgeben, wie zum Beispiel beim bargeldlosen Bezahlen. Hier bin ich einfach zu träge und genieße die „Freiheit“, das Handy oder meine Karte draufzuhalten oder irgendwo durchzuziehen. Das ist so schön unkompliziert. Und solange wir Schauspieler*innen nicht auch noch digitalisiert werden, gibt es ja auch viele Chancen und Vorteile, die wir (zu- künftig) nutzen können – wobei den Schauspiegel lese ich viel lieber weiterhin analog als digital – na ja, ich bin und bleibe wohl doch ein Zwitter in dieser Richtung – Und? Wie sehen Sie das?

NICOLAI TEGELER
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