
KATHARINA ABT: Wie hast du vom Bombardement erfahren?
YAROSLAV IVANENKO: Aus den Nachrichten. Dann habe ich sofort YouTube angemacht und die Explosionen gesehen. Das war ganz schrecklich. Schon drei Wochen vorher hatte ich meinen Eltern in Kiew gesagt, sie sollen nach Deutschland kommen. Aber sie hatten nicht mit so etwas Schlimmem gerechnet. Ich wollte am 24. Februar sofort hinfliegen, es gab jedoch keine Flüge mehr. Dann wollte ich mit dem Zug fahren. Meine Freund*innen in der Ukraine warnten mich: Sie sagten, ich käme dann nicht mehr zurück. Unter anderem, weil ich dann mein Land verteidigen müsste und wollte. Ich hätte kein Problem damit, aber meine Familie, mein Leben ist seit 25 Jahren hier in Deutschland.
Ich war drei bis vier Tage hinund hergerissen, mich befiel eine schreckliche Unruhe, die ich auch jetzt noch schwer beschreiben kann. Nachts lag ich wach, ich wusste nicht weiter. Gott sei Dank konnte ich meine Eltern jetzt nach Deutschland holen. Sie kamen über Lwiw nach Polen. Mit der Kompanie und allen Sparten des Theaters Kiel haben wir gesammelt und warme Sachen gepackt. Dann bin ich nach Polen gefahren, habe alles dort hingebracht und meine Eltern mitgenommen. Trotzdem – da niemand weiß, wie lange es dauern wird, ist die Situation noch immer sehr bedrückend.
Hattest du mit dem Angriff Putins gerechnet?
Auf alle Fälle. Wir haben in der Ukraine schon seit acht Jahren Krieg. Nach Putins Ankündigungen der letzten Zeit hatte ich mit dem Schlimmsten gerechnet.
Mit der Kompanie und allen Sparten des Theaters Kiel haben wir gesammelt und warme Sachen gepackt. Dann bin ich nach Polen gefahren, habe alles dort hingebracht und meine Eltern mitgenommen.
Du hattest in einem Interview Anfang März gesagt, dass du versuchst, den Krieg aus den Proben, aus dem Theater fernzuhalten. Gelingt dir das immer noch?
Ich finde, das Theater sollte ein unpolitischer Ort, Sport und Kunst sollten Räume der Begegnung sein, die die Menschen zusammenbringen, wo man sich anders und neu erfahren und kennenlernen kann. Dort sollten Religionszugehörigkeit oder Nationalität keine Rolle spielen. In meiner Kompanie gibt es Tänzer*innen aus vielen verschiedenen Ländern. Ich fände es ungerecht, Künstler*innen für ihre Herkunft zu bestrafen. Denn kein*e Künstler*in ist für Krieg.
Ich finde, das Theater sollte ein unpolitischer Ort, Sport und Kunst sollten Räume der Begegnung sein, die die Menschen zusammenbringen, wo man sich anders und neu erfahren und kennenlernen kann.
Allerdings bin ich froh, dass ich zurzeit keine schwierige Produktion wie „Othello“ machen muss. Bei so einem emotionalen Stoff, bei dem es um Ausgrenzung, Vorurteile und Eifersucht geht, fiele es mir sehr viel schwerer, die Gegenwart draußen zu lassen.
Hältst du es für wichtig, dass sich namhafte russische Künstler*innen von Putin distanzieren, wenn sie weiterhin hier arbeiten wollen, oder haben wir in Deutschland – aufgrund unserer Geschichte – gar nicht das Recht dazu, anderen ihre Gesinnung zum Vorwurf zu machen?
Mit meinen russischen Freund*innen in Russland kann ich im Moment kaum kommunizieren – alle haben Angst, abgehört zu werden. Für sie ist es eine schreckliche Situation. Das tut mir sehr leid.
Und wir erleben auch, dass russische Künstler*innen in Europa momentan aufgrund ihres russischen Passes diskriminiert werden, auch wenn sie betonen, mit dem Angriffskrieg Putins in keiner Weise einverstanden zu sein. Das ist ungerecht.
Was die „Weltstars“ betrifft: Natürlich müssen sie sich distanzieren! Es genügt nicht, den Krieg nicht gutzuheißen. Man muss sich von Putin lossagen, ganz klar. Hier verstehe ich beispielsweise Valery Gergiev nicht.
Wahrscheinlich ist da viel Geld im Spiel, anders kann ich es mir nicht erklären.
Was tust du im Moment, um Künstler*innen aus der Ukraine zu unterstützen?
Gerade habe ich einer befreundeten Ballettdirektorin angeboten, sie könne hier die Trainings leiten. Sie hat abgelehnt und sagte, sie möchte bei ihrem Mann in der Ukraine bleiben, um ihn zu unterstützen. Ich bewundere sie dafür.
Ich bekomme aber viele Anfragen von sowohl russischen, als auch ukrainischen Künstler*innen – nicht nur von Tänzer*innen, sondern z. B. auch von Künstler*innen anderer Gewerke wie Kostümbildner*innen, die mich nach offenen Stellen fragen und gerne hier arbeiten möchten. Russische Künstler*innen haben oft gar nicht mehr die Möglichkeit, hierherzukommen. Nicht nur, weil die Grenzen dicht sind, sondern wegen der Sanktionen – ihre VISA Card ist gesperrt.
In Kiew gibt es vier Kompanien – das sind allein 160 Tänzer*innen. Was soll aus all diesen werden?
Zwei ukrainische Tänzer*innen können wir vor- übergehend fest anstellen. Aber wir würden gerne mehr tun und verhandeln mit der Politik darüber. Ich versuche gerade, bei der Hamburger Kulturstiftung anzuklopfen, um eventuell eine Tournee mit ukrainischen Tänzer*innen durch Europa zu organisieren.
In Berlin gab es früher drei Ballettkompanien – jetzt nur noch eine. Da bestehen vielleicht auch noch Kapazitäten für eine neue Kompanie aus der Ukraine.
Wie glaubst du, geht der Krieg weiter?
Ich habe große Angst, dass der Krieg sehr lang dauern wird.
Andererseits bin ich sehr stolz, dass die Ukrainer*innen so stark Widerstand leisten. Deshalb allein hat Putin schon verloren. Er hatte mit leichtem Spiel wie 2014 auf der Krim gerechnet.
Ein kleiner Hoffnungsschimmer ist für mich, wie schnell sich die demokratische Welt gegen diesen Einmarsch zusammengefunden hat.
Die Russen haben noch gar nicht verstanden, dass es sich hier um einen Krieg handelt. Sie werden vom Regime wie Zombies gehalten.
In Kiew gibt es vier Kompanien – das sind allein 160 Tänzer*innen. Was soll aus all diesen werden?
Stand heute: Bist du für oder gegen ein radikales Embargo russischer Energielieferungen?
Ich bin dafür.
Wenn du dir ganz frei etwas wünschen dürftest, was – außer natürlich, dass dieser Krieg sofort endet – wäre das?
Ich würde gerne die Zeit ein Jahr zurückdrehen. Um die Weichen anders zu stellen. Um mit unserem Wissen von heute anders zu handeln. Im Theater geht so etwas, in der Realität leider nicht.