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Solidarität.
Hinter diesem Begriff verbirgt sich für mich eine sehr komplexe Welt. Denn vermutlich jeder Mensch fühlt sich solidarisch mit Dingen, die ihn persönlich als ICH betreffen. Für mich beginnt „echte“ Solidarität aber auch da, wo ich nicht bloß persönlich betroffen bin, sondern viel mehr dort, wo ich mit meiner Kraft, meinem Wissen und meinem Willen Unterstützung leisten kann, ohne selber Betroffener zu sein, damit aber ein WIR unterstütze. Dabei ist die Empörung, der Schock oder spontane Wut über Ereignisse immer Anlass für die kurzfristige Solidarität, bei der sich Menschenketten nach ein paar Stunden wieder verlieren können und die persönlichen Dinge wichtiger werden. Das ICH ist wichtiger als das WIR? Aus Solidarität leitet sich eine Haltung ab, die sich dann auf längere Sicht beweisen muss und in Konflikt mit dem Alltag kommen kann. Denn wenn ich mich beispielsweise mit dem ensemble-netzwerk solidarisch erkläre, Mitglied werde, komme ich spätestens dort in einen Konflikt, wo die formulierten Ziele des Vereins zum Beispiel meinen eigenen Arbeitsplatz betreffen, weil die Forderung nach Strukturveränderung auf Widerstand stößt. Werde ich dann immer noch die Solidarität mit dieser Bewegung formulieren, wenn die Furcht vor dem eigenen Nachteil zu groß wird? Welchen Kompromiss bin ICH bereit einzugehen, damit es ein WIR noch geben kann?
Bei Solidarität geht es nie um das eigene Ego, sondern immer um das Interesse am Gegenüber oder einer Gruppe/Bewegung. Ich kann nur solidarisch sein, wenn ich Interesse für die Belange eines anderen oder einer Gruppe habe und dies auch immer wieder bestätige. Das einmalige und sogenannte Lippenbekenntnis bringt nur dem ICH ein wohliges aktivistisches Wärmegefühl, dem WIR bringt es auf lange Sicht nichts. Wie ein junger Mensch mit rauer Stimme vor kurzer Zeit einmal sang:
„Worüber würde ich singen, wenn es niemanden mehr interessiert?” Denn die Kultur ist abhängig von einer Solidarität. Wir brauchen Menschen, die sich für uns interessieren, sich mit unseren Ge- schichten, Forderungen und unserem Können solidarisch zeigen. Wir brauchen uns aber auch gegenseitig im solidarischen Miteinander. Wenn jemand sich mit Gagenvereinbarungen solidarisch zeigt und sie unterwandert, dann hilft dieser Mensch kurzfristig dem eigenen ICH, schadet langfristig aber dem WIR und damit wieder sich selbst. Schauspieler*innen lieben das freie, individuelle ICH und meiden sehr oft das WIR, als ob es eine Einschränkung wäre. Dabei liegt ja die Herausforderung in der Solidarität des WIR, dieses nicht zu meiden, sondern das ICH darin zu suchen.

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PAUL MAXIMILIAN PIRA
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