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Als Claire Waldoff 1926 mit „Raus mit den Männern aus ́m Reichstag“ die Frauenemanzipation besang, tat sie das in einer Zeit, in der Frauen in „Männerberufen“ und schon gar in Führungspositionen unvorstellbar waren.
Heute, nur knapp 100 Jahre später, sieht die Lage vollkommen anders aus.
Werfen wir einen Blick in unsere eigene Branche, stellen wir fest: Mittlerweile werden gut 20 Prozent der deutschen Stadt- und Staatstheater von einer Frau geleitet, 30 Prozent der Inszenierungen stammen von Frauen, knapp 25 der gespielten Stücke sind von Frauen geschrieben und von 130 Orchestern in Deutschland werden sage und schreibe drei von Frauen dirigiert. Das ist ja toll!
Nein, Scherz. Das ist natürlich immer noch viel zu wenig.
Das Problem ist längst allseits bekannt: Obwohl Frauen gerade in den kulturbezogenen Studienfächern durchweg in der Überzahl sind, schaffen es hochqualifizierte Absolventinnen immer noch kaum in die Entscheidungsebenen. Und wenn doch, werden sie schlechter bezahlt als ihre männlichen Kollegen. Und während Claire Waldoff kategorisch „das Weib auf den Thron“ wünschte, würde uns heute doch einfach nur geteilte Macht, geteilte Verantwortung mit einem Wort: Gleichberechtigung vollkommen reichen. Aber wieso dauert das so lange? – Ach ja, weil immer noch hauptsächlich Männer in den entscheidenden Positionen sitzen, und die haben naturgemäß kein besonderes Interesse daran, an diesem Umstand etwas zu ändern. Wenn sich also von alleine nichts tut, wäre die Frauenquote ein guter Weg, um Abhilfe zu schaffen. Zumindest so lange, bis ein Ausgleich erreicht ist.
Ich habe mal auf Twitter nach dem Hashtag #Frauenquote gesucht – jaja, ich weiß, sowas soll man nicht tun, aber ich konnte nicht anders – und es war wie ein Unfall: Man mag nicht hin-, kann aber auch nicht wegschauen.
Erschreckend, welche ungefilterten Emotionen sich da Bahn brechen, aber auch wie beharrlich sich so Argumente halten wie: „Dann geht ́s ja nur noch nach Geschlecht und nicht mehr nach Qualität!“ Ich frage mich dann jedes Mal: Glauben diese Leute allen Ernstes, dass aktuell alles ausschließlich aufgrund von herausragender Kompetenz besetzt wird und die Frauen einfach zu schlecht sind? Echt jetzt? In einem Interview mit Theapolis erzählt die Regisseurin Angelika Zacek: „Ein Staatstheater hat zehn Regiepositionen zu vergeben. Neun gehen an Männer, eine geht an eine Frau. Die Frau macht eine super Inszenierung, Publikum und Presse finden es geil, sie wird in ‚Theater heute‘ als beste Nachwuchskünstlerin nominiert. In der Spielzeit darauf wird sie nicht mehr engagiert. Sie schaut nach und es sind zehn Männer auf den Regiepositionen. Sie ruft den Schauspieldirektor an und fragt: ‚Wieso kann ich denn nächste Spielzeit nichts machen bei euch, ist doch super gelaufen?‘ und er sagt: ‚Ja, aber ich muss doch meine Kumpels versorgen‘.“ Diese Selbstverständlichkeit macht sprachlos. Zeigt aber auch, wie sicher sich der Schauspieldirektor in diesem System fühlt. Er weiß, dass er sich auf den Rückhalt seiner männlichen Kollegen verlassen kann. Und diese Art von Seilschaften muss einfach ein Ende haben. Solange Frauen ausgebremst und klein gehalten werden, kann keine Qualität entstehen, schon gar keine künstlerische.
Übrigens auch auf der Bühne. Die meisten Ensembles sind ebenfalls alles andere als paritätisch besetzt. Wegen des Spielplans, lautet hier stets die Argumentation. Es gebe nun einmal nach wie vor mehr Männer- als Frauenrollen (!). Aber warum nicht ein- fach den Spielplan nach dem bestehenden Ensemble zusammenstellen, anstatt das Ensemble nach dem Spielplan? Oder andere Stücke spielen? Das Abo-Publikum hält das aus, da bin ich mir ganz sicher.
Theater sollte als Spiegel der Gesellschaft eben diese auch in ihrer ganzen Bandbreite repräsentieren. Natürlich ist es dabei mit einer Frauenquote noch lange nicht getan. Auch, was Diversität und Inklusion betrifft, liegt noch einiges im Argen. Ich könnte mir aber vorstellen, dass sich durch mehr Parität in einem Bereich auch die anderen nach und nach regulieren würden.
Nun soll man ja nicht immer nur meckern: Das Bewusstsein für die Problematik wächst, Münster bekommt nächstes Jahr zum ersten Mal eine weibliche Intendantin, ebenso wie das Deutsche Theater in Berlin – mit Julia Wissert in Dortmund gibt es erstmals in der Geschichte eine schwarze Intendantin. Und selbstverständlich gibt es auch viele tolle männliche Intendanten, die sich sehr für Fairness, ein angstfreies Umfeld, Gleichberechtigung und Teilhabe einsetzen. Hier sei stellvertretend Michael Grosse genannt, der sein Schauspielensemble in Krefeld jüngst den neuen Schauspieldirektor wählen ließ – demokratisch. Gerade vor dem Hintergrund der sich aktuell wieder häufen- den Berichte über Machtmissbrauch ein starkes und wichtiges Zeichen.

Wenn sich also von alleine nichts tut, wäre die Frauenquote ein guter Weg, um Abhilfe zu schaffen. Zumindest so lange, bis ein Ausgleich erreicht ist.

Ein offizielles Bewertungssystem für Theater fände ich übrigens auch hilfreich. In anderen Bereichen ist so etwas längst gang und gäbe. Mitarbeitende könnten verschiedene Kriterien bewerten – von Diversität über künstlerische Qualität, bis hin zum Kantinenessen und dem Zustand der Garderoben. Die Häuser mit den besten Bewertungen er- halten ein Gütesiegel, das sie stolz nach außen zeigen können. Ich möchte wetten, wir hätten letzten Endes alle etwas davon.
Und bevor ich es vergesse: Ja, Klaus-Dieter, alle wissen, dass es auch noch andere Probleme auf der Welt gibt, aber manch eine*r kann sich tatsächlich auch mit mehreren gleichzeitig beschäftigen – und einige setzen sich sogar aktiv dafür ein, sie zu lösen, statt nur im Internet rumzupöbeln. Und nein, niemand glaubt, dass eine Frauenquote das Klima rettet oder den Weltfrieden besiegelt. Aber das tut die Nicht-Quote ja nun auch nicht gerade.

Hier ist der Link zur Kulturrat-Studie: bit.ly/fraueninkultur

Karen Suender
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ist Schauspielerin und lebt mit Kind und Katzen in Berlin-Schöneberg. Seit der Geburt ihres Sohnes ist sie schwerpunktmäßig als Sprecherin und Rezitatorin tätig. Außerdem zeichnet sie verantwortlich für den jährlich erscheinenden Theapolis-KIBA, den Künstlerischen Initiativ- Bewerbungs-Almanach für Schauspieler*innen und Sänger*innen. Mehr unter http://www.thrapolis.de/ karensuender