
Über Gagen spricht man nicht“ – als ich am Theater anfing, war dieser Satz gang und gäbe und erschien mir so logisch wie „Der Letze macht die Tür zu“. Ich habe das damals nicht hinterfragt – und ich behaupte mal, damit war ich nicht allein. An den Schauspielschulen wird man denkbar schlecht auf das Berufsleben vorbereitet. Themen wie Vertragsrecht, Bewerbungen und Gagen werden mal so zwischendurch abgehandelt, bleiben aber Nebensache. Und das, wo einem doch andererseits von Anfang bis Ende eingebläut wird, wie hart die Branche und wie groß die Konkurrenz ist. Und wenn man jung ist und gerade fertig mit der Ausbildung, will man erstmal nur eins: raus und spielen.
Die Absolvent*innen strömen jährlich zu Tausenden auf den Arbeitsmarkt und kämpfen um die spärlichen Vakanzen. Man greift nach jedem Strohhalm, um überhaupt erstmal „einen Fuß in die Tür zu bekommen“. Wenige schaffen es direkt ins Festengagement, andere tummeln sich in der freien Szene, gehen auf Tournee, auf Kreuzfahrt, oder eben – zum Arbeitsamt. Fragt man diejenigen, die einen Job ergattert haben: „Und was zahlen die so?“ sind die Reaktionen meistens etwa so: Das Gegenüber nuschelt verschämt die gewünschte Information zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor – um dann unverzüglich einen Katalog von Rechtfertigungen hinterherzuschicken: „Ja, ich weiß, die Gage ist eigentlich unverschämt, aber …“ Darauf folgen dann stets eben jene Argumente, die man von Arbeitgeber*innen zu hören bekommt, wenn es an die Vertragsverhandlungen geht: „Wir sind nur ein kleines Theater und können uns höhere Gagen nicht leisten. Aber immerhin kannst Du bei uns viel lernen, wir sind ein Sprungbrett für Deine Karriere.“ – „Es gibt so viele tolle Schauspieler*innen – wenn Du es nicht machst, macht es jemand anders.“ – Und am besten: „So ist halt die Branche.“ Ach so.
Überhaupt ist das Wort „branchenüblich“ ein äußerst gern bemühter Euphemismus für „Kündige schon mal Deine Wohnung und zieh‘ unter einen Stein, so ist das nun mal bei uns Gaukler*innen“. 50 Euro Vorstellungsgage mit vorausgehenden zehnwöchigen unbezahlten Proben bei gleichzeitiger Einstellungsvoraussetzung „abgeschlossene staatliche Ausbildung, mindestens fünf Jahre Berufserfahrung, eigenem PKW und Bereitschaft zu Auf- und Abbauarbeiten“ – solche oder ähnliche Angebote sind durchaus keine Seltenheit. Dass einem so eine „Branchenüblichkeit“ einfach als gegeben präsentiert wird, kann schon wütend machen. Jede*r weiß: Irgendwas läuft schief. Man bekommt aber suggeriert, dass es keine Alternative gibt. Und Angst, überhaupt keinen Job mehr zu bekommen, wenn man zu oft ablehnt oder rumzickt.
Gerade in der freien Szene erscheint der Tarifdschungel zudem undurchdringbar. Und wenn man keine Vergleichsmöglichkeiten hat, ist es doppelt schwer, sich zurechtzufinden. Etwas übersichtlicher gestaltet es sich gewiss bei den Stadt-/Staats- und Landestheatern. Immerhin richten sich hier die Gagen in der Regel nach dem Normalvertrag Bühne. Aber selbst, wenn man diese dort nachschlagen kann – woher soll man wissen, welchen Verhandlungsspielraum es an welchem Haus für welche Positionen gibt? Es spricht ja keiner darüber. Scheußlichkeiten wie vertragliche Verschwiegenheitsklauseln, die unhinterfragt hingenommen werden, tun ihr Übriges. Und kaum etwas macht ohnmächtiger als Unwissenheit. Aber: gegen die kann man ja durchaus etwas tun. Bei Theapolis beispielsweise haben wir bereits vor über zehn Jahren Vergütungskategorien im Stellenmarkt eingeführt: Wer ein Jobangebot veröffentlichen will, ist verpflichtet, eine Mindestgage anzugeben. Viele Arbeitgeber*innen reagierten auf die neue Regel damals zunächst, als würde man von ihnen verlangen, nackt über glühende Kohlen zu laufen. Sie empfanden das als Übergriff, oder besser: Entmachtung. Denn Wissen ist nun mal Macht. Der Schock war aber auch auf Seiten der Kolleg*innen groß: Durch das Sichtbarmachen der Gagen bekam man plötzlich ein getreues Abbild des deutschsprachigen Theater-Arbeitsmarktes auf dem Silbertablett serviert. Und das war gar nicht mal so schön.
Durch das Sichtbarmachen der Gagen bekam man plötzlich ein getreues Abbild des deutschsprachigen Theater-Arbeitsmarktes auf dem Silbertablett serviert. Und das war gar nicht mal so schön.
Die gute Nachricht: Letzten Endes hat diese Aktion mit dazu beigetragen, dass die Mindestgagen des NV Bühne neu verhandelt und schließlich angehoben wurden. Mittlerweile ist auch die Angabe von Gagen in Stellenangeboten eine Selbstverständlichkeit. Man sieht also: Transparenz bewegt etwas. Und da Wissen noch viel wertvoller wird, wenn man es mit anderen teilt, erfreut sich auch der jüngst initiierte Theapolis-Gagenspiegel größter Beliebtheit: Die Kolleg*innen schicken uns ihre Theater-Arbeitsverträge der letzten Jahre, wir sammeln diese anonym in einer somit ständig wachsenden Datenbank. Hat nun jemand ein Vertragsangebot bekommen, suchen wir die gesammelten Gagen-Informationen zum entsprechenden Theater heraus und können ihm im Idealfall sagen, was dort in der letzten Zeit für diese oder eine ähnliche Position bezahlt wurde. So geht er wesentlich entspannter und selbstsicherer in das Verhandlungsgespräch.
Alles kann so einfach sein mit ein wenig Freude am Teilen. Wenn Mitglieder uns kontaktieren und über ungerechte Bezahlung, Vertragsbrüche o.ä. berichten, fragen wir meistens: „Bist Du Mitglied in einer Gewerkschaft, einem Interessenverband?“ – und in den allermeisten Fällen bekommen wir leider immer noch die Antwort: „Nein.“ Aber es reicht bekanntlich nicht, nur wütend zu sein oder zu jammern. Man muss selbst tätig werden, sonst ändert sich nix. Und am meisten erreicht man gemeinsam mit anderen.
Man vergisst ja gerne mal, wie viel auch Bezahlung mit Wertschätzung zu tun hat. Mit der Wertschätzung der Arbeitgeber*innen, aber auch mit der Wertschätzung sich selbst gegenüber. Und die ist letzten Endes am wichtigsten. Ich selbst bekam einst von einem Intendanten O-Ton zu hören: „Was? Für diese Gage arbeitest Du bei uns? Würd ich ja nie machen! LOL!“ (Nun ratet mal, wer für den nicht mehr arbeitet. LOL.)

Karen Suender
ist Schauspielerin und lebt mit Kind und Katzen in Berlin-Schöneberg. Seit der Geburt ihres Sohnes ist sie schwerpunktmäßig als Sprecherin und Rezitatorin tätig. Außerdem zeichnet sie verantwortlich für den jährlich erscheinenden Theapolis-KIBA, den Künstlerischen Initiativ- Bewerbungs-Almanach für Schauspieler*innen und Sänger*innen. Mehr unter http://www.thrapolis.de/ karensuender