
Die Reaktionen sind sehr unterschiedlich: Die einen sind wohlwollend, selbst aber schon länger resigniert, und sagen milde lächelnd etwas wie: „Ach, dass Du immer noch so optimistisch bist!“ Etwas kritischer sind da schon andere, die in einer Mischung aus Spott und Verständnislosigkeit bemerken, dass das eine oder andere politische Engagement ja wohl wieder mal nichts „gebracht“ habe. Aber die Kandidat*innen der dritten Kategorie möchten eigentlich nicht einmal von „diesen Dingen“ hören: „Du immer mit Deiner Politik!“
Aber woher kommen solche Reaktionen? Haben Parteien, Gewerkschaften, NGOs oder Berufsverbände* diesen Menschen eine Mitgliedschaft aufgezwungen oder ihnen gar mit körperlicher Gewalt gedroht, falls man nicht bei ihnen eintritt? Oder hat man vielleicht doch selbst so penetrant und häufig dieses schlimme Tabuthema berührt, dass die Betroffenen (Freund*innen, Verwandte, Kolleg*innen) schon bei der kleinsten Erwähnung die Stacheln aufstellen?
Andererseits: Organisiert sind in unserem Land Millionen – in unzähligen Vereinen von (A)nglerclub bis (Z)ootierfreunde e.V. Dass mehr Deutsche im DFB* organisiert sind als im DGB* bzw. seinen Gewerkschaften, wird nur von der Mitgliederzahl des ADAC* getoppt. Dagegen ist die Zahl derer, die sich beispielsweise bei „Fridays for future“ engagieren, verschwindend gering, und trotzdem ist es immer wieder ein beliebter Aufreger, dass da junge Leute Schule und Uni-Seminar „schwänzen“, anstatt ihren Protest ordnungsgemäß nach Feierabend oder am Wochenende kundzutun. Aber kann man nicht vielleicht auch umgekehrt formulieren, dass es die „Unpolitischen“ sind, die ihre Demokratie „schwänzen“, zu deren Förderung und Verteidigung unsere Gesellschaft doch immer wieder in Wort und Bild auffordert?
In dieser Situation kommt man sich von Zeit zu Zeit etwas verloren (d.h. auf verlorenem Posten) vor, ist manchmal deprimiert, aber oft genug auch zornig, dass man sich für sein (vermeintlich sinnloses) Engagement auch noch rechtfertigen und/oder verspotten lassen soll. Zumindest soll man seinem Freundeskreis nicht damit auf die Nerven gehen, sondern es bitte als „Privatsache“ betrachten. Wir sind ja ein freies Land …
Demokratie ist oft genug keine Sahnetorte, sondern ein hartes Brot. Und man sollte sich eigentlich an ihrer Herstellung beteiligen, aber dabei nicht nur seine eigene „backen“. Denn es ist ja eine Binsenweisheit, dass einem manche Dinge erst dann fehlen, wenn man sie nicht mehr hat. Da darf sich jede/r (auch mit Maske) an die eigene Nase fassen.
*DFB 7.169.327 Mitglieder. *DGB 5.934.971 Mitglieder. *ADAC 21.205.971 Mitglieder. *BFFS über ca. 3.6500 Mitglieder (alle Zahlen Stand: 7/2020)

Stefan Krause
Synchronisiert schon seit analogen Zeiten in Hamburg, München und (hauptsächlich) Berlin. Er ist seit Anbeginn Mitglied des IVS und der Gewerkschaft ver.di, seit 2007 in der Redaktion der UNSYNCBAR und seit 2019 in der SCHAUSPIEGEL-Redaktion.
Er lebt, liest und arbeitet autolos & mobil in Berlin-Kreuzberg.