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STEFAN KRAUSE: Wie verlief, in kurzen Zügen, Dein Weg zur Schauspielerin?
KAREN SUENDER: Recht stringent, würde ich sagen. Als Kind Ballettausbildung und Statistin am Stadttheater, Aufführungen selbst geschriebener Stücke und Hörspiele vor der geneigten Verwandt-und Nachbarschaft, Schultheater-AG, übers Ballett ans Theater gekommen, dort über die Jahre in allen möglichen Bereichen gearbeitet – und direkt nach dem Abitur nach Paris und zur Schauspielschule. Dass ich am Theater bleibe, war eigentlich immer schon klar. Selbst meine Eltern haben die Hoffnung, ich würde wie der Rest der Familie etwas „Boden- ständiges“ machen, recht schnell – wenn auch zähneknirschend – begraben. Allerdings habe ich zum Kompromiss tatsächlich auch noch Theater- und Literaturwissenschaft studiert; aus unerfindlichen Gründen waren sie wohl der Meinung, ein geisteswissenschaftliches Studium sei weniger brotlos als eine solide Schauspielausbildung. Köstlich.

An welcher Stelle Deiner Karriere hat Dich die Schwangerschaft „erwischt“?
Zum Zeitpunkt, als ich schwanger wurde, befand ich mich insgesamt an einem Wendepunkt, irgendwie in Aufbruchsstimmung. Ich hatte ein paar kleinere Engagements hinter mir, eine Beziehung ging gerade zu Ende, ich war frisch umgezogen, hatte die Möglichkeit, nach Hannover ans Theater zu gehen, ausgeschlagen und wollte unbedingt in Berlin bleiben, um dort ein eigenes Hörspiel und freie Theaterprojekte auf die Beine zu stellen. Nebenbei arbeitete ich als Abendregie in der Bar jeder Vernunft. Dort habe ich auch Jakobs Vater kennengelernt, der Musiker ist. Das ging dann alles Knall auf Fall.

Der Vater Deines Sohnes ist ja präsent, obwohl Ihr Euch sehr früh getrennt habt. Würdest Du Dich trotzdem als alleinerziehend bezeichnen?
Ja, schon. „Präsent“ heißt ja nicht „vor Ort“. Selbst, wenn ein Kind am Wochenende beim anderen Elternteil ist, so ist man doch den Rest der Woche mit allem auf sich alleine gestellt, um den Alltag zu stemmen. Und für alles Organisatorische – Ämter, Schule, Kita, krankes Kind pflegen, eigene Termine zu Gunsten der Termine des Vaters verschieben oder absagen etc. – war ohnehin schon immer ausnahmslos ich zuständig. Wir haben uns getrennt, da war Jakob gerade drei. Er ist da so reingewachsen und kennt es praktisch nicht anders. Zum Glück gab es nie eine Schlammschlacht, und ich denke, auch das mit dem Umgang haben wir insgesamt immer gut geregelt bekommen – auch wenn die Koordination bei zwei freiberuflichen Künstlern natürlich oft nicht ganz unkompliziert ist. Man muss schon sehr häufig jonglieren, weil plötzlich ein neuer Termin reinkommt. Es ist ein großes Glück, dass wir uns bis heute sehr gut verstehen, wir besprechen eigentlich alles Wichtige miteinander, feiern Weihnachten, Geburtstage etc. zusammen, machen Ausflüge. Wenn Not am Mann ist, helfen wir uns gegenseitig. Dafür bin ich echt dankbar. Ich glaube auch, dass das für Jakob ganz wichtig und hilfreich war und ist.

Gab es Lebensphasen, wo Du mehr als sonst Schwierigkeiten hattest, Kind und Beruf unter einen Hut zu bringen?
Insgesamt wird ja glücklicherweise alles immer einfacher, je älter und selbstständiger die Kinder werden. Die ersten zwei, drei Jahre waren für mich persönlich schwierig. Der Vater war damals immer über längere Zeiträume auf Tour bzw. abends viel unterwegs. Da hab ich mich oft allein und überfordert gefühlt. Zumal ich auch keine Freundinnen hatte, die selbst Kinder haben. Die führten natürlich alle ein ganz anderes Leben. Ich war praktisch plötzlich total isoliert. An kreatives Arbeiten war da gar nicht zu denken. Man ist ja schon froh, wenn man ab und zu ein bisschen Schlaf bekommt. Kann man sich ja vorher alles gar nicht vorstellen, wie das ist.

Als Jakob in die Kita kam, war das schon eine riesen Entlastung. Irre, wie viel man da plötzlich erledigt bekommt! Der Wiedereinstieg in den Beruf war eher mental eine Hürde für mich – bei den ersten Vorsprechen fühlte ich mich extrem unsicher, ich dachte: Ich kann das gar nicht mehr! Furchtbar. Ich habe direkt erstmal wieder Schauspieltraining gemacht, um überhaupt einigermaßen auf die Reihe zu kommen, mich wieder zu spüren. Arbeitstechnisch am unkompliziertesten war übrigens tatsächlich die Zeit, in der ich einen neuen Partner hatte, der zeitweise auch bei uns gewohnt hat. Da wird einem erstmal so richtig bewusst, welchen Unterschied es macht, wenn jemand wirklich vor Ort ist, an den man einfach mal schnell was „abgeben“ kann, ohne dass lange Terminabsprachen vorausgehen müssen – das Kind von der Schule abholen, weil man noch auf der Probe feststeckt, oder einkaufen gehen, weil es im Tonstudio gerade doch länger dauert. Was für ein Luxus! In dieser Zeit hab ich ‘ne ganze Menge gemacht, was mir sonst nicht so ohne weiteres möglich gewesen wäre: Abendvorstellungen spielen, sogar mit Abstechern in andere Städte, habe eigene Shows auf die Beine gestellt etc.

Hattest Du, wenn die Situation schwierig war, Hilfe von Familie, Freund*innen, Kolleg*innen? Familie gibt es hier in Berlin gar nicht. Ich habe nur noch eine Schwester in Westfalen, von Seiten des Vaters gibt es noch einen Bruder in London und eine Schwester in Hamburg. Letztere ist für Jakob tatsächlich sowas wie die Ersatz-Omi. Die beiden lieben sich, und sie ist auch wirklich eine große Hilfe in vielerlei Hinsicht, das ist ganz toll! Mit Freund*innen oder Kolleg*innen ist das so ne Sache. Die will man ja nicht überstrapazieren. Ich bin leider ganz schlecht darin, andere um Hilfe zu bitten, selbst wenn sie es anbieten, deswegen habe ich das immer nur im äußersten Notfall in Anspruch genommen. Im Großen und Ganzen habe ich immer versucht, meine Sachen von vornherein so zu koordinieren, dass ich das alleine geregelt kriege, ohne jemandem „zur Last zu fallen“.

Wie sah das konkret aus?
Als Jakob noch kleiner war, habe ich in erster Linie praktisch gedacht: Die Miete musste bezahlt werden, aber regelmäßig abends arbeiten war schwierig unter den gegebenen Umständen. Ich habe dann zunächst im Kindertheater gespielt – das war perfekt, weil alles tagsüber stattfand, wenn Jakob im Kindergarten war.

man muss schon sehr häufig jonglieren, weil plötzlich ein neuer Termin reinkommt.

Und am Wochenende konnte ich ihn mit in die Vorstellungen nehmen, das fand er immer super. Parallel habe ich begonnen, mich mehr aufs Sprechen zu konzentrieren, und das lief zum Glück recht schnell recht gut. Damals kam ich auch zur „Lettrétage“, wo ich seither viele tolle Lesungen machen und mitgestalten durfte, wertvolle Kontakte geknüpft und Freunde gefunden habe. Und seit 2010 dann die Zusammenarbeit mit Theapolis. Bis heute das Beste, was mir passieren konnte. Die hat mich auf vielen Ebenen weitergebracht – nicht nur, weil sie mir die Möglichkeit gibt, von zu Hause zu arbeiten, und mir genügend Freiraum für Kind, Haushalt und alle meine beruflichen Projekte lässt, sondern auch, weil sie mir nochmal eine andere Sicht auf den Theaterberuf und die ganze Branche eröffnet hat – auch kulturpolitisch gesehen.

ich denke, für ein Kind ist es immens wichtig, Eltern zu haben, die glücklich sind

Worauf muss man als Schauspielerin mit Kind verzichten?
Auf Schlaf. So wie alle Eltern. Jahrelang. Ansonsten gibt es da ja kein „man“. Die Lebensumstände sind ja bei jedem anders. Ich denke, wenn man jemanden hat, der einem den Rücken frei hält, und eine Familie, die mit anpackt, ist alles möglich. Es ist ja auch eine Frage des Wollens. Und der eigenen Prioritäten. Meine Mutter hat mir früher immer gedroht: „Wenn Du Schauspielerin wirst, kannst Du niemals Kinder haben, das wäre unverantwortlich!“ Sowas ist natürlich ausgemachter Blödsinn.

Geht da noch so was wie Tournee oder Engagement in anderen Städten oder gar anderen Ländern? Wie gesagt, unter bestimmten Voraussetzungen geht sicherlich alles, wenn man das will. Im Moment reizt mich persönlich aber ein Engagement irgendwo anders gar nicht. Ich würde nicht dauerhaft aus Berlin weg wollen – ich fühle mich hier wohl, und Jakob hat hier seine Freunde, seine Schule. Stückverträge: Gerne. Ein Festengagement könnte ich mir momentan gar nicht mehr vorstellen. Ich bin sehr glücklich mit meiner Freiberuflichkeit. Ich denke aber oft: Wenn Jakob mal aus dem Haus ist, hätte ich Lust, wieder für eine Weile ins Ausland zu gehen.

Dein Sohn ist gerade 14 geworden. Eine kurze Zeit seit seiner Geburt? Eine lange Zeit? Eine gute Zeit?
Alles. Die Zeit rast und zack! sind sie groß, obwohl man sich doch selber noch so jung fühlt. Gleichzeitig ist so viel passiert, Gutes und Schlechtes, und alles bringt einen irgendwie weiter.

Vielleicht noch ein paar Ratschläge für Kolleg*innen in ähnlicher Situation? Oder sowas wie ein Schlusswort?
Die Zeit mit den Kindern genießen. Nicht perfekt sein und alles unter einen Hut bringen wollen. Gute Entscheidungen auch für sich selber treffen. Ich denke, für ein Kind ist es immens wichtig, Eltern zu haben, die glücklich sind. Und: Mit den Jahren kommen immer mehr Freiräume zurück. Es ist nie zu spät, neue Pläne zu schmieden. Irgendwann geht auch das wieder.

Karen Suender
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ist Schauspielerin und lebt mit Kind und Katzen in Berlin-Schöneberg. Seit der Geburt ihres Sohnes ist sie schwerpunktmäßig als Sprecherin und Rezitatorin tätig. Außerdem zeichnet sie verantwortlich für den jährlich erscheinenden Theapolis-KIBA, den Künstlerischen Initiativ- Bewerbungs-Almanach für Schauspieler*innen und Sänger*innen. Mehr unter http://www.thrapolis.de/ karensuender

Stefan Krause

Synchronisiert schon seit analogen Zeiten in Hamburg, München und (hauptsächlich) Berlin. Er ist seit Anbeginn Mitglied des IVS und der Gewerkschaft ver.di, seit 2007 in der Redaktion der UNSYNCBAR und seit 2019 in der SCHAUSPIEGEL-Redaktion.
Er lebt, liest und arbeitet autolos & mobil in Berlin-Kreuzberg.