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Das Wort „flexibel” bedeutet biegsam bzw. elastisch. Es klingt – im Gegensatz zu „statisch” – positiv. Die möglichst permanente „Rufbereitschaft” von Schauspieler*innen ist in den letzten Jahren immer mehr zu einem Kriterium geworden, engagiert zu werden und im Geschäft zu bleiben. Aber wie weit muss man sich verbiegen, um diesen Anspruch zu erfüllen? Was bedeutet diese Flexibilität für Privat- und Familienleben? Aus den Nine-to-Five-Arbeitszeiten der Vergangenheit ist eine immer größere verfügbare Stundenzahl geworden. Die 40-Stunden-Woche hat einer 70- bis 80-stündigen Verfügbarkeit im 2-Schicht-System Platz gemacht – auf Biegen und Brechen …
In der Synchronbranche funktioniert viel auf Zuruf, oft von einem Tag auf den anderen, selten eine Woche oder länger im Voraus und manchmal sogar von jetzt auf gleich. Neben den abwechslungsreichen Rollen (vormittags werdende Mutter, nachmittags Auftragsmörderin, abends braves Dienstmädchen) ist eine der schönsten Seiten an diesem Beruf, dass jeder Tag anders ist, man auch mal einen Vormittag frei hat bzw. sollte es das Familien- oder Privatleben verlangen, auch mal Zeiten sperren kann – man ist also zeitlich sehr flexibel. In dieser Branche ist man zumeist nicht zwei oder sogar mehr Wochen am Stück bei einem Projekt beschäftigt und daran gebunden, sondern „mal hier und mal dort” (siehe oben). Dadurch können auch Arzt- und andere Termine wahrgenommen werden und die angebotenen Rollen und Termine trotzdem angenommen werden.

„Ich finde Synchronschauspielen lässt sich vergleichsweise gut mit dem Familienleben vereinbaren. Ich habe keine 50-Stunden-Woche wie am Theater, wo ich zwischendurch noch Texte lernen, mich in Dinge einlesen oder auf die Abendvorstellung vorbereiten muss. überhaupt sind Abendschichten nicht so häufig. Ich kann also die Kinder oft selbst ins Bett bringen.” FRANZISKA ENDRES

Aufnahmeleiter*innen sind wahre Meister*innen der Flexibilität und können so manch einen Extrawunsch bzgl. eines Termins auch mal herbeizaubern. Diesen Aufnahmeleiter*innen kann man gar nicht genug danken, wenn sie auf die persönlichen Bedürfnisse und Terminvorgaben so gekonnt und kreativ eingehen. Der Nachteil dieser Flexibilität ist, dass man selber natürlich auch sehr flexibel sein sollte. Private Verabredungen werden häufig unter Vorbehalt getroffen; wenn kein Termin für den nächsten Tag reinkommt, kann das Treffen mit der besten Freundin stattfinden, ansonsten wird es verschoben. Dafür haben nicht alle Freund*innen und Bekannte Verständnis. Auch für die Familien kann das eine Mehrbelastung bedeuten: Kommt für den nächsten Tag ein Termin rein, wenn die Kinder nachmittags zu Sport, Musikschule oder Nachhilfeunterricht gefahren werden müssen, fängt das große Schieben und Organisieren an. Kann der/die Partner*in das nicht übernehmen, weil selber berufstätig, im Schichtdienst oder nicht verfügbar, weil man alleinerziehend ist, bleiben unter normalen Umständen evtl. Freund*innen, Großeltern oder Babysitter*in. Das alles muss organisiert und geplant werden und kann mitunter ziemlich zeitaufwendig sein.

„Wie das alleinerziehende Leute mit Partner*innen mit festen Arbeitszeiten oder gar Synchronpaare machen, ist mir ein Rätsel. Der/die Partner*in muss halt sehr flexibel sein, solange die Kinder noch zu klein sind, um allein zu Hause klar zukommen. oder man braucht Großeltern in der Nähe oder seeehr flexible Babysitter*innen, für die dann aber auch ein Großteil der Gage draufgeht.” FRANZISKA ENDRES

PODCAST FÜR ELTERN UND ALLE ANDEREN
Katharina Küpper und ihr Mann Peter Foyse haben einen gemeinsamen Podcast. Er heißt nacKiG sein und darin reden sie als Eltern über die nackte Wahrheit. 
bit.ly/nackig-sein?
In einem weiteren Podcast von Katharina – trau Dich – hat sie neun Interviews mit starken Frauen geführt, die sie inspiriert haben. Der Gedanke dabei war, Künstler*innen wieder an einen Tisch zu bekommen und echte Begegnungen – trotz Corona – zu ermöglichen. bit.ly/podcast-traudich Und Peter Foyse hat mit oliver Bender einen Podcast namens machomännchen. bit.ly/machomaennchen

Die Krux ist, dass man zwar einerseits Zeiten sperren kann, in denen man nicht arbeiten kann, um z.B. das Kind zum Fußballtraining zu bringen, aber andererseits zu viele Sperrzeiten auch dazu führen können, dass man weniger angefragt und gebucht wird. Da bekommt man schon mal von der Aufnahmeleitung gesagt, dass ein gesperrter Kalender nicht gut sei. Da würde man gleich „weiterklicken”. Natürlich sind die Aufnahmeleiter*innen sehr unterschiedlich; ob aus Verständnis für Mütter und Väter, die auf Grund ihrer Kinder Sperrzeiten haben oder aus Überzeugung vom Können der Kolleg*innen.

„Mein Kalender ist nicht gesperrt, ich muss von 09.00 bis 16.00 Uhr keine Rücksicht nehmen, wenn Peter spricht und auch sonst ist es einfacher. trotzdem ist dieses kurzfristige Buchungsgeschäft, heute einen Termin für morgen zu bekommen, oft auch stressig, weil ich gefühlt immer auf abruf bin und keine Routine reinkommt. bei mir geht es noch, weil die Termine jetzt erst langsam mehr werden.” KATHARINA KÜPPER

Es ist wirklich herrlich, dass man jeden Morgen mit den Kindern bzw. der Familie zusammen aufstehen und den Tag beginnen kann, weil der Betrieb in den Synchronstudios in der Regel nicht vor neun Uhr morgens anläuft. Auf der anderen Seite können sich kurzfristig neue Termine ergeben, so dass man den eigentlich geplanten Nachmittag oder nächsten Abend noch mal über den Haufen werfen muss. Oder man muss zur Abendschicht, wenn die Kinder ins Bett gehen. Allerdings ist es auch für Eltern in anderen Berufen nicht viel leichter, berufliche und private Termine unter einen Hut zu bringen und gleichzeitig allen gerecht zu werden. Da kann die Flexibilität auch mal zum Vorteil werden, weil man beispielsweise den Vormittag frei hat und den/die Klassenlehrer*in beim Ausflug unterstützen kann.

„Für uns ist der Beruf auf jeden Fall ein Segen. Indem wir beide feste Zeiten vorgeben, wann wer von uns arbeiten kann, können wir beide abwechselnd arbeiten und Zeit mit den Kindern verbringen. sollte die vorgegebene Zeit mal nicht genügen, finden wir immer einen Weg, wie wir zusätzliche Termine möglich machen können. Wir sind sehr dankbar dafür, dass wir Familie und Beruf so ausgewogen unter einen Hut bringen können.”

JILL UND BASTI SCHULZ

Früher war alles anders … Die Firmen haben ohne größeres Zucken die alten Arbeitszeitregeln Stück für Stück abgebaut – aus purem Opportunismus den „Kund*innen“ gegenüber. Früher mussten die Firmen flexibel gegenüber den (Bühnen-) Schauspieler*innen sein, nach deren Proben bzw. Vorstellungen sich die Disposition zu richten hatte. Das ist heute nicht mehr in allen Fällen gewährleistet.

„ich habe keine Ahnung, ob es theoretisch möglich wäre, das System so zu verändern, dass man seine Termine zumindest vier bis fünf tage vorher bekommt (in Hamburg scheint das zu funktionieren). Dann wäre der Beruf mit Familie perfekt vereinbar.” FRANZISKA ENDRES

Ein Fazit
Die geforderte Flexibilität und die kurzfristige Verfügbarkeit, die sich mit der Zeit eingeschlichen haben, sind sicherlich ein Manko. Je nach Familienkonstellation und privaten Möglichkeiten der spontanen Kinderbetreuung kann die Flexibilität der Synchronbranche zum Nachteil für das Familienleben werden. Der Wunsch nach langfristiger Planung, um Familie und Privatleben (noch) besser mit dem Beruf in Einklang zu bringen, ist sicherlich berechtigt. Trotzdem überwiegen die Vorteile, denn die meisten Beschäftigten können mit Zeitfenstern und so genannten Sperrzeiten Beruf und Familie sehr gut kombinieren. Dieser Beruf ist einer der schönsten der Welt und bietet den Beschäftigten unzählige Möglichkeiten. Man muss sie nur ausschöpfen und sich Prioritäten setzen: Ein „Nein” an einer Stelle wird durch Flexibilität an anderer Stelle oft wettgemacht und eine Erklärung, wieso der Nachmittag gesperrt ist (Fußballtraining, nicht aus Unlust an der Arbeit), kann zu mehr Verständnis führen. Also deutlich mehr Segen als Fluch.

ILONA BROKOWSKI
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ist in Berlin geboren, ist Diplom-Psychologin und arbeitet seit 27 Jahren als Synchron- schauspielerin. Seit einigen Jahren ist sie außerdem als Dialogbuchautorin und Synchronregisseurin tätig. Sie hat 2006 die Redaktion der UNSYNCBAR mitgegründet und nach Verschmelzung von IVS und BFFS wurde sie Teil der Redaktion des SCHAUSPIEGELS. Ihr Hauptaugenmerk lag und liegt darauf, die Kommunikation in der Branche

zu verbessern. Sie lebt mit ihrer Familie in Berlin.

Stefan Krause

Synchronisiert schon seit analogen Zeiten in Hamburg, München und (hauptsächlich) Berlin. Er ist seit Anbeginn Mitglied des IVS und der Gewerkschaft ver.di, seit 2007 in der Redaktion der UNSYNCBAR und seit 2019 in der SCHAUSPIEGEL-Redaktion.
Er lebt, liest und arbeitet autolos & mobil in Berlin-Kreuzberg.