
Schon wieder steht ein Umzug bevor. Koffer und Kisten packen, Schränke leeren, Verlorenes wiederfinden, sich von Überflüssigem trennen. Eine gewisse Hektik, flirrende Aufregung, die eigentlich keinen Platz in der Zeitschranke hat und Unruhe verbreitet. Zwischendurch das Kind auf den Pott, ein Brötchen schmieren und schon wieder ist die Butter auf den Boden gefallen!
Mehr Arbeit und keine Zeit!
Ein Szenario unseres Berufes, speziell bei den Kolleg*innen am Theater, die von Theater zu Theater wechseln, mit ihrer/m Intendant*in zu neuen Häusern reisen, das Gewohnte aufgeben für das Neue. Wenn man dreht, ist es mitnichten einfacher.
Wie ist das alles zu schaffen, Beruf und Familie in Balance zu halten? Es gibt viele Herausforderungen bei der Vereinbarkeit zwischen Beruf und Familie. Unter anderem auch das Schicksal mit einem besonderen Kind. Ich spreche aus persönlicher Erfahrung.
Als Geschwisterkind.
Durch die Arbeit meines Vaters sind wir oft umgezogen. Eine Schule für mich in der neuen Stadt zu finden, war leicht, aber eine Schule, eine spezielle Schule für meine Schwester war das Hauptthema. Das ging auch nicht an mir vorbei. Sie war an erster Stelle, um sie musste man sich viel mehr Sorgen machen, viel mehr um ihr Wohl bemüht sein als um meines. Es war klar, dass ich „mitschwamm“.
Ohne ihre Sprachlosigkeit, ohne ihr Anderssein, da bin ich mir sicher, hätte ich den Beruf des Schauspielers nie ergriffen.
Die Entscheidung, meine Schwester zu Hause zu behalten, sie nicht „wegzustecken“, was Anfang der 60er Jahre noch gang und gäbe war, wurde nie bewusst besprochen. Es war einfach so: Sie blieb bei uns. Damit waren Unwegsamkeiten Tür und Tor geöffnet, Probleme im Alltag, die nicht zu erahnen waren, vorprogrammiert. Das haben meine Eltern auf sich genommen, ohne zu hinterfragen, wie das mit dem Beruf meines Vaters und unserem Familienleben vereinbar wäre. Für diese nie klar ausgesprochene Entscheidung werde ich meinen Eltern bis an mein Lebensende dankbar sein. Durch deren Selbstlosigkeit, ohne das Bewusstsein für ihr eigenes Leben aus den Augen zu verlieren, wurde ich durch meine Schwester mit emotionalem und kognitivem Reichtum entschädigt.
Lebt man mit einem behinderten Geschwisterkind, lernt man die Welt aus deren Sicht zu sehen. Meine Schwester, wie fast alle, die am RETT-Syndrom erkrankt sind, spricht nicht. Sie hat Stimme, aber keine Worte – keine Möglichkeit, auf unsere Weise zu kommunizieren. Das heißt, ich musste sie für andere „übersetzen“. Erklären, warum sie so oder so reagierte, warum sie etwas machte oder auch nicht, was ihre Stimmung bedeuten könnte. Ich habe gelernt, für sie zu „sprechen“, ich wurde ihre Stimme. Ich habe sie beobachtet, kann ihre Launen erkennen, bevor sie kippen, denn ich versetze mich in sie hinein und versuche mit ihren Augen die Welt wahrzunehmen, einzuordnen. So wie wir Schauspieler*innen es tun, wenn wir in eine Rolle schlüpfen. Erst vor einigen Jahren habe ich begriffen, dass das Sprechen „für“ meine Schwester, ihren inneren Text nach außen zu transportieren, abgefärbt hat in Bezug auf meine Arbeit an einer Rolle.
Ohne ihre Sprachlosigkeit, ohne ihr Anderssein, da bin ich mir sicher, hätte ich den Beruf des Schauspielers nie ergriffen. Sie hat mir diesen Weg eröffnet. Unser Leben wurde durch meine Schwester auf den Kopf gestellt, wir liefen gegen Wände, ahnungslos und meistens hilflos ihrem Schicksal gegenüber. Schmerz und Hoffnung waren stete Begleiter und trotzdem lernte ich durch meine Schwester, dass ich mich auf mich selbst verlassen kann, auf mich selber aufzupassen, dass Schwierigkeiten mich nicht einschüchtern, flexibel und offen zu bleiben. Eigenschaften, die unschätzbar wichtig sind in unserem Beruf.
Wenn es um die Frage der Vereinbarkeit zwischen Beruf und Familie geht, so kann ich für mich jedenfalls mit Sicherheit sagen, dass Vereinbarkeit einerseits gar nicht möglich ist, aber ich andererseits durch das Sosein meiner Schwester meinen Beruf in einer viel profunderen Weise ausüben zu können glaube, als ich es mir je hätte träumen lassen. Das gibt mir die Kraft, meine Koffer zu packen und mich auf den Weg ins Neue zu machen.

Leslie Malton
ist Botschafterin für Kinder mit RETT-Syndrom www.rett.de.
Das Buch, „Brief an meine Schwester“, zusammen mit Roswitha Quadflieg geschrieben, gibt es aktuell noch als Hörbuch. Eine Neuauflage des Buches steht in Aussicht.