
1976 … wunderten wir uns als jugendliche Sprecher-Clique, dass da zuweilen Kollegen in unser Ensemble kamen, die mindestens zehn Jahre älter als wir waren, also uralt sozusagen. Aber: Sie hatten ganz jugendliche Stimmen.
1990 … fragte mich ein Regisseur, wie lange ich denn noch „die 16-Jährigen“ sprechen wolle? „Solange es sich noch wie 16 anhört“, beeilte ich mich zu antworten.
2018 … dachte ich beim Blick auf eine Szene spontan, ich würde bestimmt den „mittelalten“ Bräutigam sprechen, sollte aber dann laut Dispo dem Vater der Braut meine Stimme leihen. Komisch: Gestern war ich doch noch jung?
Schauspieler*innen „mit Gesicht“ geben in ihrem Steckbrief (neben vielen anderen Fertigkeiten sowie Sprach- und Dialektkenntnissen) ihr „Spielalter“ an.
In der Synchron-Szene wäre es da analog empfehlenswert, ein realistisches „Stimmenalter“ anzugeben. Die Bandbreite vieler Kolleg*innen ist da ja erstaunlich und hat oft wenig mit dem Geburtsdatum zu tun: Manche/r hat schon in jungen Jahren ein reifes Timbre und kommt stimmlich älter daher. Andere klingen auch dann noch jugendlich, wenn sie am Wochenende nur noch auf Ü30-Parties ein- geladen werden.
Dass oft gegen die Stimme und eher nur anhand der Geburtsdaten auf einer Liste besetzt wird, ist eine weitere negative Begleiterscheinung unserer „schnelllebigen Zeiten“, wie die zunehmende Akkord-Produktion gern schönfärberisch begründet wird. Wenn man sagt, dass gutes Synchron ist, wenn die Stimme „aus dem Gesicht kommt“, dann ist da- mit aber auch die gesamte Person gemeint, in der sich eine Stimme widerspiegelt: Von alt bis jung, dick bis dünn, gebrechlich bis kraftstrotzend, klein, groß … ganz unterschiedlich.
Obwohl man nicht vergessen sollte, dass auch der „Preis“ bei der Besetzung eine Rolle spielt und die Gagenhöhe schon ein Ausschlusskriterium sein kann, bleibt es doch in erster Linie ein Problem der Aufnahmeleitungen und der Regie, bei der Besetzung das richtige „Händchen“ sowie ein gutes Ohr zu haben. Aber leider fehlt wegen der stressigen Situation oft genug die Zeit, gerade neue Leute etwas genauer anzuhören und ihre stimmlichen Qualitäten kennenzulernen. Anhand eines Bewerbungsfotos kann man ja schlecht die Stimme beurteilen. Es ist ein kleiner Vorteil unseres Metiers, dass wir nicht mit unserem Aussehen punkten, sondern mit unseren Stimmen. Es soll doch gut klingen und das auch möglichst auf der passenden Rolle.
„Wenn wir wollen, dass alles bleibt wie es ist, ist es nötig, dass sich alles verändert.“ GIUSEPPE Di LAMPEDUSA, DER LEOPARD

Stefan Krause
Synchronisiert schon seit analogen Zeiten in Hamburg, München und (hauptsächlich) Berlin. Er ist seit Anbeginn Mitglied des IVS und der Gewerkschaft ver.di, seit 2007 in der Redaktion der UNSYNCBAR und seit 2019 in der SCHAUSPIEGEL-Redaktion.
Er lebt, liest und arbeitet autolos & mobil in Berlin-Kreuzberg.