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In den inflationären Betrachtungen über die Welt vor, während und nach „Corona“ wurde immer wieder „die Welt, wie wir sie kennen“ in den Mittelpunkt gestellt. Die wenigsten Beiträge waren da schnoddrig-unbekümmert nach dem Motto „Krise? Welche Krise?“. Denn überwiegend wurde gemutmaßt, vorausgesagt oder schlichtweg behauptet, dass wir „the world as we know it“ hinterher nicht mehr wiedererkennen würden – sei es zum Guten oder zum Schlechten.
In einem großen, wenn auch sicher nicht uneigennützigen Kraftakt ist die Synchronbranche nach nur knapp vier Wochen wieder hochgefahren worden und erreichte verblüffend schnell wieder normale „Betriebstemperatur“. Aber was heißt bei uns schon normal? Schließlich mussten viele verlorene Drehtage aufgeholt und mitten in der Arbeit abgebrochene Produktionen fertiggestellt werden. Da musste in einigen Firmen sogar der 1. Mai (als Feiertag) dran glauben. Man konnte ja eh nicht raus ins Grüne und das Wetter war auch nicht so toll?.
In dieser Zeit des Stillstands und des Nachdenkens wurden auch mal wieder alte Ideen ausgegraben (neudeutsch: an-gedacht), wie man zukünftig synchronisieren könnte – jenseits des antiquierten Studiobetriebs: Zum Beispiel mit dem Mikro aus der häuslichen Aufnahmekabine. Das hat zwar mit richtigem Synchron nicht viel zu tun, aber: „Versuch macht kluch!“, wie der Volksmund sagt. Und was heute noch nicht geht, nicht zuletzt, weil wir das nicht mitmachen, geht vielleicht in ein paar Jahren? Besonders dann, wenn sich bis dahin genug Freiwillige finden, denen die klassische, das heißt altmodische Produktionsweise entweder herzlich egal ist oder die gar nicht wissen, worum es in diesem Metier geht.
Was also wird aus der „Synchron-Welt, wie wir sie kennen“? Höher, schneller, weiter, effektiver und – billiger. Nein: kostengünstiger! Billig will natürlich niemand sein. Aber: Das ist alles nicht neu oder gar anders. Und es ist zu erwarten, dass die Corona-Kosten für Studioumbauten und längere Produktionszeiten nicht unbedingt den Auftraggebern in Rechnung gestellt werden. Aber das ist natürlich nur eine vage Vermutung. Denn wer könnte dann wohl sonst noch zur Kasse gebeten bzw. zum Verzicht aufgefordert werden? Hat da gerade jemand gegrinst? Na ja, das kann man ja zum Glück hinter der Maske nicht sehen.

Stefan Krause
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Synchronisiert schon seit analogen Zeiten in Hamburg, München und (hauptsächlich) Berlin. Er ist seit Anbeginn Mitglied des IVS und der Gewerkschaft ver.di, seit 2007 in der Redaktion der UNSYNCBAR und seit 2019 in der SCHAUSPIEGEL-Redaktion.
Er lebt, liest und arbeitet autolos & mobil in Berlin-Kreuzberg.