
MONTAG, 30. MÄRZ 2020
Das jähe Klingeln des Weckers reißt mich aus meinem unruhigen Schlaf. Welcher Tag ist heute? Warum klingelt mein Wecker? Ich schlafe tief und wache erschöpft auf.
Einige Momente liege ich unbewegt im Bett, den Blick an die Decke gerichtet und lasse die letzten Fetzen meines Traumes den Raum verlassen. Ein paar wenige Momente, in denen die Welt draußen noch stillsteht und ich gar nichts weiß, gar nichts will. Langsam tröpfelt der Tag wieder in mein Bewusstsein: Heute ist Montag. Der 14. Tag meiner freiwilligen Quarantäne, 6.40 Uhr. Noch 20 Minuten bis zur ersten der täglichen BFFS-Sitzungen.
In den letzten zwei Wochen habe ich meine physischen Kontakte auf ein absolutes Minimum reduziert. Als der Mitbewohner eines Freundes positiv auf Corona getestet wurde, bekamen die Zahlen der Infizierten, der Todesfälle, die verstörenden Bilder aus den Medien auf einmal ein Gesicht. Wurde unsere Situation für mich greifbar. Ich habe entschieden, die meiste Zeit zuhause zu bleiben, mich nicht mehr zu verabreden, auch nicht mit Abstand. Ich hatte das klare Gefühl, nur mit diesem Rückzug meinen Teil zu einer Verbesserung der Situation beitragen zu können. (Wenige Tage später kam dann das Kontaktverbot von der Regierung.)
„Muss ich immer produktiv sein? Muss ich immer funktionieren?“

Seit 14 Tagen habe ich in meiner Küche ein Gewerkschaftsquartier aufgeschlagen und parallel dazu wankt in meinem Kopf ein mit Fragen beladenes Mammut ungeschickt zwischen den Gedanken hin und her.
Was passiert gerade um uns herum? Was bin ich zwischen all dem? Wohin mit mir, wenn mein Konstrukt von Leben und Alltag, von Freundschaften und Familie, von Arbeit und Geldverdienen auf einmal außer Kraft gesetzt ist? Was passiert mit meinem Wunsch nach Berührungen, nach körperlicher Gemeinsamkeit? Und wohin zum Teufel mit meiner Kreativität? Was kann ich tun? Wie kann ich aktiv werden? Nicht stillstehen … nicht stillstehen …
Das Paradoxe: Ich bin in den täglichen Konferenzen mit dem BFFS aktiver denn je, aber eben nicht in meinem Beruf, meinem eigentlichen Leben. Seit 14 Tagen drehe ich einmal am Tag eine Runde auf dem Tempelhofer Feld, Slalomlauf.
Gehe ich an einigen Tagen in den Supermarkt, an anderen zur Post oder in den Späti um’s Eck. Den Blick aufmerksam auf meine Umgebung gerichtet, Slalomlauf.
Manchmal frage ich mich, ob ich die Einzige bin, die den Gang auf den Straßen zum Slalomlauf erklärt hat. Übertreibe ich? Oder nehmen einige Menschen die Situation nicht ernst (genug)?
Selbst wenn, denke ich, es ist nicht die Zeit, um sich darüber aufzuregen.
Zuhause: Küche – Kaffee, Sofa – BFFS-Telko, BFFS-Telko, Balkon (hab ich ein Glück!) – ein bisschen Sonne tanken, Küche – Kaffee. BFFS-Telko, erneuter Slalomlauf, diesmal allerdings um meine Steuerbelege auf dem Fußboden. All meine Gedanken sind schon tausendfach gedacht, all die Texte tausendfach geschrieben, die Videos schon tausendfach gepostet.
Das Kreisen um sich selbst, mich selbst, das ständige Veräußern, bedrückt mich, macht mich traurig. Dann muss ich über mich selber lachen. Über die Absurdität der Gedanken einer Schauspielerin, die doch ein Außen braucht und jetzt in Quarantäne lebt. Und trotzdem lässt es mich ratlos zurück. … Blumen gießen, staubsaugen, Küche – Kaffee, BFFS-Telko, BFFS-Telko. Die Wiederholung der Wiederholung.
Das Mammut stößt einen neuen Gedanken an. Möchte ich eigentlich immer kreativ sein? Wie oft habe ich mit mir selbst verhandelt, die Leerstellen, die mit meinem Beruf einhergehen, anzunehmen. Muss ich immer produktiv sein? Muss ich immer funktionieren? Oder darf ich mich mal rausziehen, muss ich es vielleicht sogar? Einmal mehr wird mir bewusst, wie gerne ich meinen Beruf ausübe. Jetzt stehen auf einmal alle still, steht alles still. Der Hamster verschnauft. Die Mühlsteine verweilen.
Meine Freund*innen sitzen nicht ohne mich in der Kneipe, meine Sportgruppe trainiert nicht fleißig weiter, meine Kolleg*innen tummeln sich nicht auf einer Veranstaltung, die ich verpasse, die Szene fürs Casting wurde gar nicht erst verschickt.
Stillstehen. Ja.
„Welche Kapazitäten schlummern noch in diesem Zwischenraum?“
Küche – Kaffee, Fenster putzen, Schubladen sortieren, BFFS-Telko, BFFS-Telko, Kaffee, BFFS-Telko … Ich habe mir ein Klingelschild für die Küchentür gebastelt – Klara Deutschmann, BFFS. Es fühlt sich an wie mein Kampagnenbüro und ist weit entfernt von dem Leben als Klara Deutschmann, Schauspielerin. Gleichzeitig ertappe ich mich bei dem Gedanken, dass es sich leichter zur Ruhe kommen lässt, wenn es die Anderen auch tun.
Diese Art von Entschleunigung birgt eine ungeheure Schönheit. Die Krise eine ungemeine Chance? Wenn ich einen Schritt zurücktrete, erschaudere ich fast bei der Erkenntnis, wie privilegiert ich bin. Welche Kapazitäten schlummern noch in diesem Zwischenraum? Ich bekomme Lust, auch diesen Raum abseits von BFFS-Telkos weiter zu erkunden, innezuhalten, mich nicht zu veräußern.
6.50 Uhr
Die Snoozefunktion meines Weckers erschreckt mich einmal mehr und stößt mich unsanft aus meinen Gedanken. Noch zehn Minuten. Ich klettere aus dem Bett. Küche – Kaffee. Ich halte einen Moment inne und entscheide: weniger Kaffee trinken. Und: tiefer atmen.
Ich werfe dem Mammut in meinem Kopf ein paar imaginäre Karotten hin, bitte es, sich ein bisschen zu entspannen und öffne die Fenster in meiner Küche.
„Hallo und guten Morgen.“

KLARA DEUTSCHMANN
ist Vorstandsmitglied des BFFS und sowohl für das Ressort Bühne, als auch gemeinsam mit Antoine Monot, Jr. für das Ressort Gleichstellung und Diversität zuständig. Nach ersten Theaterengagements in Leipzig, Düsseldorf und Hannover ist sie nun sowohl am Theater als auch für Film- und Fernsehproduktionen freischaffend tätig.